im Grenzgebiet

Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine erinnern mich an meinen Eisenacher Chefdramaturgen Kaspar Königshof und an den Dozenten Gerhard Rothbauer am Leipziger Literaturinstitut. Königshof, Ziehsohn des legendären Berliner Theaterkritikers Herbert Ihering, wurde nicht müde, mir einzureden, dass Inszenierungen erst etwas taugen, wenn die historische Umgebung des Stückeschreibers nicht vernachlässigt wird. Seit Rothbauer weiß ich, dass es leicht ist, Denkmäler vom Sockel zu stürzen, es aber darauf ankommt, aus den Trümmern etwas Brauchbares zu machen.

Die Vorgänge in der Ukraine werden eskalieren, solange die Beurteilung der Lage nur aus dem Augenblick heraus entsteht. Sie werden eskalieren, wenn die Politiker über ihre Völker hinweg regieren. Den Landesnamen leiten Etymologen aus dem altostslawischen Wort ukraina her, das ‚Grenzgebiet‘ bedeutete und eine Pufferzone zum sogenannten Wilden Feld mit turkstämmigen Reiternomaden war. Jetzt sollen Grenzen scharfe Linien sein, an die die heutigen Territorialmächte desto heftiger stoßen, umso globaler sie verflochten sind.

Alle Register der Manipulation werden gezogen, um den Völkern einzureden, es ginge um ihr Wohl. Hinzu kommt die jüngste Einschätzung des Weltklimarates, dass die Verhinderung eines extremen Klimawandels nur noch ungefähr zwei Jahrzehnte lang finanzierbar ist und nur dann, wenn schleunigst auf Kohle, Gas und Öl als Energieerzeuger verzichtet und weltweit an einem Strang gezogen wird.

Geschehen wird das nicht, weil wir bei den Grenzen, die uns trennen, bleiben wollen. So wird die Ukraine zur Metapher für Lebensraum, den wir uns zugestehen. Endlich in zweierlei Hinsicht.

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