Fluchtversuch?

Ich war Zwanzig, als ich am 21. Juli 1969 in der Morgendämmerung in der Zwickauer Wohnung der Großeltern vor dem Fernseher saß und auf dem grieseligen Fernsehbildschirm den ersten Schritt eines Menschen auf dem Mond folgte. Bis heute kann ich diese Momente noch nachempfinden. Über die irdischen Grenzen hinweg verspürte ich kosmische Weite und teilte sie wenig später in einem Gedicht mit einer Dresdener Brieffreundin, die Helga hieß. So begann es:

einen stern für dich / will ich finden, der / uns wahrheit offenbart / lügen lügen straft / ohne zu entzweien / und uns aufbewahrt //

Es war der Wunsch nach einem sicheren Bezugspunkt, den ich in der irdischen Umgebung noch nirgends gefunden hatte. Dachte Neil Armstrong auf dem Mond ähnliches, als er sagte: „That’s one small step for man, one giant leap for mankind.“ („Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.“)

Waren das Worte der Hoffnung? Ich wusste damals noch nichts vom Club of Rome und seinem Gründer, dem Italiener Aurelio Peccei, der 1968 eine Zeitenwende in der Geschichte der Menschheit entdeckte und nach Ursachen und Beweisen für ein rasant wachsendes Ungleichgewicht zwischen Mensch und Natur zu suchen anfing.

War diese Gleichgewichtsstörung, die der Konflikt zwischen einem endlichen irdischen Le-bensraum und einer wachstumsberauschten Menschheit am Ende bedrohlicher als die atomare Auslöschung durch immer neue Rüstungsrunden der Russen und Amerikaner, die  meinen Nachtschlaf zerwühlten?

So weit dachte ich während Armstrongs Mondgang und seinem viel zitierten Satz noch nicht, doch hatte ich bei diesem faszinierenden Ausflug auch ein mulmiges Gefühl. Sollte meine Zukunft in so weiter Ferne liegen? War der Mondflug gar ein Fluchtversuch? Vor den irdischen Gefahren?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert