„dOCUMENTA (13)“ 1

Zehn Meter lang ist die Warteschlange vor der documenta-Kasse am Bahnhof. Viertel vor Zehn reihe ich mich ein. An den vergangenen Samstagen, höre ich, sei es ähnlich gewesen. Nicht nur hier, wird sich herausstellen, werde ich warten müssen. In zwei Wochen schließt die Kunstschau. Den letzten beißen die Hunde, den Vorletzten zwicken sie nur, denke ich.

Auf dem Friedrichsplatz vor dem „Fridericianum“ haben Aktivisten der „Occupy“-Bewegung ein „Doccupy-Camp“ eingerichtet, um die Besucher der Schau auf das weltbeherrschende ökonomische System hinzuweisen. In der „documenta-Halle“ fängt als erstes die Maschinen-Installation von Thomas Bayrle (geb. 1937) mit ‚betenden’ Automotoren, Auto- und Autobahnfragmenten und einer riesenhaften Bildtafel mit der Fotocollage eines Flugzeugs meinen Blick. Es geht um den Wandel unseres Weltbilds in den letzten Jahrzehnten, den der Berliner Objektkünstler am Mensch-Maschine-Thema bearbeitet.

Die Südkoreaner Moon Kyungwon und Jeon Joonho (beide Jahrgang 1969) arrangieren aus Film, Installation und Buchedition eine Rückschau aus der Zukunft auf die heutige Gesellschaft. Die beste Nachricht ist, dass es noch eine Menschenzukunft gibt.

Das intuitive Tagebuch „Limited Art Project“ des vielseitigen chinesischen Künstlers Yan Lei (geb. 1965) besteht aus 360 an Wänden und Decke oder in vertikalen Regalen untergebrachten Gemälden. 360 Tage hat das chinesische Jahr. Während der dOCUMENTA (13) entfernt der Künstler nach und nach die Bilder und lässt sie in einer Autofabrik in der Nähe von Kassel monochrom übermalen und anschließend wieder hierher zurückzubringen. Auf diese Weise soll sich der Bildkalender der Dauer widersetzen.

Die indische Malerin und Zeichnerin Nalini Malani (geb. 1946) erweitert mit „In Search of Vanished Blood“ die Bildfläche in den Raum. Aus fünf rotierenden Zylindern hat sie ein dreidimensionales Video-Schattenspiel geschaffen. Mit einem in der Urdu-Sprache verfassten Gedicht des pakistanischen Dichters Faiz Ahmed Faiz „Das Schattenbild des Rebellen“ und zwei Erzähltexten – Christa Wolf’s „Kassandra“ und Rainer Maria Rilkes „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ – thematisiert sie den Fluch der Sehergabe und das Scheitern zwischenmenschlicher Verständigung. In einer weiteren Dimension des Projekts entsteht aus Passagen von Heiner Müllers „Hamletmaschine“, Samuel Becketts „Das letzte Band“ und der Kurzgeschichte „Draupadi“ der indischen Schriftstellerin Mahasweta Devi eine Klanglandschaft.

Das Eingesammelte nehme ich mit in die Orangerie. Die bedrückende Dreikanal-Videoinstallation „The Most Electrified Town in Finland“ über den Bau eines Atomkraftwerks nahe der südwestfinnischen Kleinstadt Eurajoki, das 2009 den Betrieb aufnehmen sollte, jedoch wegen Planungsfehlern bis heute nicht arbeitet, bedarf keines Kommentars.

Die Sammlung des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts ist in die dOCUMENTA (13) integriert, darunter Ölbilder, Aquarelle, Filzstift- und Kreidezeichnungen von Konrad Zuse, der, zeitgleich mit dem im Geheimen arbeitenden und wegen seiner Homosexualität lange diskreditierten Briten Alan Turing als ‚Erfinder‘ des Computers gilt. Geschaffen hat er sie zwischen 1926 und 1967 mit unverkennbarer Sympathie für Lyonel Feininger.

Auf der Karlswiese davor hat der 1966 in Peking geborene Chinese Song Dong „Doing Nothing Garden“ aufgetürmt, einen etwa sechs Meter hohen, von rotbraunem Beton umringten, mit Gräsern und Pflanzen überwachsenen Abfallberg, Mahnmal der Zivilisation, das sich ohne weiteres Zutun ‚entwickelt’.

An anderer Stelle fixiert Massimo Bartolini (geb. 1962) mit „Wave“ in einem rechteckigen Teich eine Wasserwelle als ästhetisches Dokument eines im Zeitstrom aufbewahrten Augenblicks.

Auf den ersten Blick unglaublich ist „Idee di pietra“ von Giuseppe Penone (geb. 1947), eine Baumskulptur als Bronzeguss, die ich auch aus nächster Nähe noch für ein lebendiges Gewächs halte, so perfekt ist die Täuschung. In wieweit kann ich mich auf meine Wahrnehmung verlassen?

An Stelle des Serpentinenweges hinauf zur „Schönen Aussicht“ nehme ich die historische Treppe. „[Ihr] monumentale[r] Charakter“, lese ich später, „wird noch dadurch verstärkt, dass sie ein Denkmal für die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten bildet“. Daneben hat die iranisch-deutsche Installations- und Videokünstlerin Natascha Sadr Haghighian (geb. 1967) einen Pfad angelegt.

Der einfache Akt, diese Stufen hinaufzugehen, wird zu einer Gelegenheit, die Landschaft, die arkadische Natur des Parks, mit ihrem Gegenteil zu verknüpfen: den Kriegen, die das zivile Leben auf nie da gewesene Weise zum Erliegen brachten und uns seither immer wieder diejenigen Entscheidungsprozesse hinterfragen lassen, die die Geschichte der Menschheit auf immer entstellten. Die Verwüstungen, denen Männer, Frauen, Pflanzen, Bäume, Gegenstände und Gebäude ausgesetzt waren, liegen ganz buchstäblich unter diesem Abhang begraben“, kommentiert die Künstlerin ihr Werk.

Die Gelegenheit, in der „Neuen Galerie“ Josef Beuys zu begegnen, lasse ich mir nicht entgehen. Wie unzufrieden wäre er mit der Welt im Jahr 2012? Wie würde er das heute künstlerisch zum Ausdruck bringen?

Die dOCUMENTA (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen“, heißt es im „Logbuch“ genannten Geleitbuch zur Kunst-Schau, das ihre Genese dokumentiert.

Die existenzielle Sackgasse, in die hinein sich die Menschheit mit globaler Dynamik entwickelt, ist aus kreativen Kämmerchen heraus heute nicht mehr zu vermitteln. „Leaves of Grass“ des Amerikaners Geoffrey Farmer (geb.1967) zeigt das in einem überwältigenden Partikelrausch. Hunderte Fotos aus den Jahrgänge 1935 bis 1985 der amerikanischen Nachrichtenillustrierten „Life“ verarbeitet er zu einem Raumteiler, der mir das Zeitgeschehen buchstäblich in die Augen treibt.

Nach dieser eindrucksvollen Überdosis Kreativität kann ich unmöglich zur Tagesordnung übergehen, zum nächsten Ort, zum nächsten Werk, aber fortfahren, zum Beispiel mit dem documenta-Bus.

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