„60. Biennale di Venezia“ 1

FOREIGNERS EVERYWHERE

Zwei Jahre sind seit der 59. Biennale di Venezia und der documenta fifteen in Kassel vergangen und noch immer wirkt die Überraschung nach, mit der ich eine Kreativität erlebte, die ganz anders mit dem Leben umging. Sie widersetzte sich nicht einmal den bis dahin auch die Sphäre der Kunst mit unverschämter Selbstverständlichgkeit beherrschenden Marktmechanismen. Nahezu kinderleicht wirkte, wie der globale Süden daran vorbei Vorschläge anbot, mit denen die Welt gar nicht mehr wie auswegloses Dickicht aussah. Was für eine Provokation für den globalen Norden war „The Milk of Dreams“, das Motto in Venedig, und das Zauberwort ‚lumbung‘ in Kassel. Kann die 60. Biennale di Venezia daran anknüpfen?

In den GIARDINI und am Tag darauf in ARSENAL gewinne ich den Eindruck, dass der Faden nicht verloren und gleichzeitig kein leichtes Spiel ist, ihn aufzunehmen und weiterzuspinnen. Das diesjährige Motto „Foreigners Everywhere“ rückt sofort wieder Lebenswirklichkeit in den Mittelpunkt. Wer oder was ist ihr fremd? Mit welchen Konsequenzen heute?

Der Brasilianer Adriano Pedrosa (geb. 1965) fand das Motto, der erste Lateinamerikaner, der die Biennale kuratiert. In Rio de Janeiro studierte er Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und am von Roy und Walt Disney in den USA gegründeten „California Institute of the Arts“ Kunst und kritisches Schreiben. Sich selbst sieht er als Außenseiter der Kunstgeschichte und macht kein Hehl aus seiner queeren Persönlichkeit.

Entlehnt ist das Motto einer Arbeit des Kollektiv Claire Fontain, ein 2004 gegründetes italienisch-britisches Künstlerduo. Als Schriftzug aus Neonröhren, an mehreren Stellen in verschiedenen Sprachen platziert, verbreitet es diskret und nachdrücklich Unsicherheit in den Spannungsfeldern Individuum – Gesellschaft und Vergangenheit – Zukunft. Ständig müssen wir entscheiden, wie wir darin sein und leben wollen.

In einer Welt, die gerade dabei ist, sich aufzulösen, die durch Kriege und Umweltkatastrophen zerstört wird und in der die Angst vor dem ‚Anderen‘ sich breit macht, ist das Gefühl, fremd zu sein, allgegenwärtig“, schreibt die Zeitschrift „Kunstforum“. Fremdheit betrifft uns alle, doch „Menschen mit Migrationserfahrung, gesellschaftlich Ausgegrenzte und lange Zeit Vergessene in besonderem Maße“. In der Hauptausstellung richtet Pedrosa das Augenmerk auf 331 indigene, queere, im Exil lebende und lange übersehene Kunstschaffende aus dem globalen Süden.

Die deutsche Übersetzung „Fremde überall“ wirft die Frage auf, ob es sich bei „Fremde“ um einen Status oder alle Umgebungen, die kein Zuhause sind. Wollen und können wir anders leben als parasitär? Lässt sich die verengte Vorstellung von Wachstum, wie sie von den Industrieländern her die Welt beherrscht, wieder ausweiten? Sind wir in der Lage, die Sackgassen, in die wir damit hineingeraten sind, wieder zu verlassen? Wie hilfreich, ja notwendig ist dafür eine künstlerische Kreativität? Kann sie uns dem Wahnsinn entlocken, in den wir treiben?

AUF DER SCHWELLE

Meine erste Station in den GIARDINI ist die Schweiz. Sie gefällt (sich) mit der heiter-ironischen Sorglosperspektive des Schweiz-Brasilianers Guerreiro do Divino Amor (geb. 1983). „Super Superior Civilisations“ nennt er eine fiktionale TourismusWerbeWelt mit nationalen Mythen wie Heidi und Helvetia und inszeniert eine irrwitzige Kitschrevue, in der die brasilianische bildende Künstlerin, Performerin, Komponistin, subversive Gospelsängerin und transsexuelle Schwarze als Hologramm performt.

Im abgeschmackten Glanz von Corporate Identities zitiert Divino Amor die „in national(istisch)e Mythen und kapitalistische Kampagnen“ verwebten Energien und wie sie sich aus „rastlos animierten Oberflächen fügen und in der leeren Geste weiter ihre Macht behaupten“.

Im Nordischen Pavillon vis-á-vis zeigen Schweden, Norwegen und Finnland „The Altersea Opera“, ein KunstWerk, das mit einer begehbaren Bambus-Geometrie Gefühle vom Schweben im Sinken zum Ertrinken bringt.

Der norwegische Komponist Tze Yeung Ho (geb. 1992) und der schwedische Regisseur Lap-See Lam (geb. 1990) verschmelzen mythologische Motive mit der realen Geschichte eines Restaurantschiffes, das ein chinesischer Unternehmer in den 1990er Jahren nach Stockholm brachte, wo es in einem Gruselpark verkam. Kopf und Schwanz des einst stolzen dreistöckigen Drachenschiffs kappte der Unternehmer für den Eigenbedarf. Schiffsrumpf und Inventar hatten ihre Magie schon auf der transkontinentalen Überfahrt verloren. Übrig blieb „eine Metapher für den Verlust von Wissen, der entsteht, wenn man etwas von einem Platz an den anderen bringt“, sagt Lap-See Lam. „Auch bei der Migration von Menschen passiert so etwas. Was gewinnt man? Was verliert man?“

Im hinteren Teil des Pavillons sind Kostüme für „Die Altersea Oper“ ausgestellt, angefertigt von der im Irak geborenen, jetzt in Finnland lebenden Textilkünstlerin Kholod Hawash (geb. 1977). Die Rücken hat sie mit mythologischen Gestalten und Meereslebewesen verziert. Rochen, Aale, Quallen tummeln sich, das Haupt der Medusa weint und blutet regenbogenfarbene Tropfen in leuchtend blaue Wogen. Dazu erscheint das Wesen Lo Ting, halb Fisch, halb Mensch, die Hauptfigur der übergreifenden Erzählung. Die Oper schafft eine Perspektive, mit der das Reisen nicht im Niemandsland strandet, sondern neues Terrain erschließt.

Thresholds“ nennt die deutsch-türkische Dramaturgin und Kuratorin Çağla Ilk (geb. 1976) den Biennale-Beitrag von Deutschland. „Ich hatte zunächst vor, den Pavillon ‚Araf‘ zu nennen“. Im Türkischen ist ‚Araf‘ ein Wort für Situationen, in denen jemand nicht (mehr) weiß, wo er ist. „Schwellenwerte“ nennt sie ihr Verfahren zur Klärung von Vorhandenem und Möglichem. Als Schwellen definiert sie die Übergänge zwischen den beiden Bereichen und untersucht sie mit dem Instrumentarium der Kunst.

Wir betreten den Pavillon, um ihn zu verlassen“, sagt sie und hat den Haupteingang mit anatolischer Erde verschütten lassen. Nur über den Seiteneingang komme ich hinein – die erste Schwelle – und stehe nach ein paar Schritten im hohen Hauptraum vor der zweiten, ein turmartiges Haus, mit dem der Regisseur Ersan Mondtag (geb. 1987) das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft thematisiert. Über drei Etagen erzählt er im „Monument eines unbekannten Menschen“ die Gastarbeitergeschichte seines anatolischen Großvaters, der in den 1960er Jahren in die BRD einwanderte und nach wenigen Jahren, in denen er in einer Asbestfabrik in Westberlin arbeitete, am giftigen Staub der in der Antike erfundenen unbrennbaren ‚Wunderfaser‘ verstarb.

Ist die letzte Konsequenz aus dem Scheitern der menschlichen Gemeinschaft das Verlassen der Erde?“ Diese Frage stellt im gleichen Raum die israelische Multimediakünstlerin Yael Bartana (geb. 1970) Ihr Beitrag „Light To The Nations“ ist eine „Erzählung der Möglichkeiten dessen, was eine Zukunft hätte gewesen sein können, wenn der Impuls der Heilung statt der Zerstörung das Maß des Handelns gewesen wäre. Ohne sich fahrlässiger Naivität schuldig zu machen, scheint es derzeit fast unmöglich, die Position der Schwelle als eine einzunehmen, die etwas wie Hoffnung möglich macht. Wir behaupten dennoch trotzig dieses Wort.“ stellt. Ein Raumschiff „Licht für die Nationen“ verlässt eine unbewohnbar gewordene Erde, um die Spezies Mensch ins Universum zu retten. Wie groß ist die Aussicht, dass das in diesem Transportmittel besser gelingt, als auf der Erde?

An dieser Stelle fühle mich zwei Jahre zurück in den dänischen Pavillon versetzt, in dem Uffe Isolotto (geb. 1976) auf der 59. Biennale di Venezia mit „We walked the Earth“ ein postmenschliches Erdenleben inszenierte und mich die Erscheinung einer jungen Frau aus dieser gespenstischen Szenerie rettete. Jetzt warte ich auf der Schwelle, auf der ich mich auch damals schon befand, dass Ähnliches passiert. Eine SIrene in falscher Mission. Eine reine Einbildung. Warum nochmal? Will sie diesmal länger bleiben? Meinetwillen? Für’s erste hilft sie, die Menschheitsdämmerung hier Innen auszuhalten. Doch in diesem Jahr hat der deutsche Beitrag auf der Insel La Certosa einen zweiten Teil.

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