im Vorschein des Endes

1

Bin ich hilflos? „Ausblick am Rand des Abgrunds“ überschrieb das Onlinemagazin Manova kürzlich ein Gespräch, das der vom medialen Mainstream entfernte Publizist Walter van Rossum mit der von ihrer Arbeitgeberin, der Uni Bonn, gekündigten Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot führte.

„Neue Perspektiven und lebendige Debatten“ will das Manova-Team kreieren, will „inspirieren und zum eigenen Handeln ermutigen“ und „auf Vielfalt statt auf Machtkonzentration, auf Kooperation statt auf Konkurrenz“ setzen. Das ist mir sympathisch, aber bisher dachte ich, dass sich ein drohender Abgrund erledigt hätte, seit wir uns die Erde nicht mehr als Scheibe vorstellen.

In ein abgrundtiefes Nichts können wir zwar nicht mehr stürzen, aber die kugelähnliche Erde erweist sich inzwischen als nicht minder bedrohlich. Einerseits gaukelt sie unendliche Weiten vor, andererseits verdreht sie uns bedenklich den Kopf. Wir wollen sie so gern beherrschen, verlieren aber ständig die Kontrolle. Über uns und über sie hinaus wollen wir gern wachsen, kommen aber mehr und mehr aus dem Gleichgewicht.

Vor zwei Jahren, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „New York 9/11“ von Yadegar Asisi im Leipziger Panometer, erzählte der deutsche Kunsttheoretiker und emeritierte Professor für Ästhetik Bazon Brock die Geschichte von zwei Säulen an der Meerenge von Gibraltar, eine auf europäischem, die andere auf afrikanischem Boden. Der griechische Heros Herkules soll sie dort errichtet haben, um die Menschen, die sich seinerzeit die Erde als Scheibe vorstellten, zu warnen, wenn sie sich, verwegen oder achtlos, ihrem Rand näherten.

Im 16. Jahrhundert endete an dieser Stelle das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, bis heute flächengrößte Imperium in der Menschheitsgeschichte. Als sein Kaiser Karl V.  1522 die Säulen in sein Staatswappen übernahm, war das allerdings schon nicht mehr die Grenze der Welt. Also änderte er den bis dahin auf bildlichen Darstellungen der Säulen üblichen Schriftzug NON PLUS ULTRA (BIS HIERHIN UND NICHT WEITER), indem er das NON entfernte, in PLUS ULTRA (UND DARÜBER HINAUS) um. So trug er den Entdeckungen Amerikas, der langen Westküste Afrikas und des Indischen Ozeans Rechnung und weitete zugleich seinen Machtanspruch aus. Bewegt hat das die Menschheit zweifellos, vielen genützt aber unser Zusammenleben qualifiziert?

2

Bin ich einfallsreich? Zügele ich meinen Übermut? Finde ich heraus, dass mir vor allem  das gemeinsame und füreinander Tun gut tut und weiterhilft und wie ich dabei im Gleichgewicht bleiben oder es wiederfinden kann? Was ich wünsche oder will und die Regeln, die ich finde, um es einzurichten, mögen schön und gut sein, aber die Natur, zu der ich gehöre, funktioniert so nicht: nicht willentlich, nicht wunschgemäß, nicht reguliert. Ihre Antriebe und demnach auch meine Neigungen bilden sich mit dem Geschehen, im bewegten Sein, im Werden, aus Möglichkeiten also. Wechselwirkung heißt das Zauberwort.

Für mich ist das ein Argument gegen die bedingungslose Mobilisierung von Willenskräften. Ich denke, meine Lebenschancen hängen entscheidender davon ab, wie nahe die Einbildungen, die mir mein Gehirn von der Wirklichkeit verschafft, ihr tatsächlich kommen, wie gut in ihnen die in Wirklichkeit zum Vorschein kommt. Erst dann stellt sich die Frage, was ich will und kann. Die Einbildungen verhindern, dass ich schon davor den Kopf verliere, metaphorisch und buchstäblich. Was spricht mithin dagegen, das Leben geschehen zu lassen und zu sehen und zu nehmen was kommt?

Bazon Brock erzählt vom Vorschein als Teil des griechischen Wortes Apokalypse, was übersetzt Ende des Vorscheins heißt. Tatsächlich dachte ich bisher, mit Apokalypse sei mein und aller Ende gemeint. Das stimmt jetzt nur noch, wenn ich die Zukunft für vorherbestimmt halte. Ist sie offen, kann ich sie jetzt, über mich hinaus, offen halten. Dann muss dem Vorschein des Endes kein großes ganzes Ende mehr folgen.

3

Von Großreichen bleibt erfahrungsgemäß nicht viel übrig. Weil wir hilflos und einfallsreich sind? Goethe gibt seinem Faust zwei Seelen. Dem großen Dichter und Freund der Wissenschaften dürfen wir zutrauen, dass er schon vor 200 Jahren wusste, wo uns der Kopf steht. Die Seele hat er seinem Helden nicht versehentlich in die Brust gesteckt. Und gleich zwei! 

Wenn das mal gut geht.

Mit Sicherheit nicht.

Erst seit wenigen Jahren sind die Körperkundler dem noch tiefer sitzenden Bauchgehirn und dem menschlichen Mikrobiom auf der Spur. Beide stehen im Verdacht, uns am Gehirn vorbei zu beeinflussen. Die gute Nachricht dazu wäre, dass unsere Antriebe dann nicht allein aus simplen bipolaren Spannungsfeldern – menschlich und göttlich, diesseits und jenseits, männlich und weiblich, vormals und künftig – wachsen und unsere Lebensläufe wohltuend komplexer sind, durchdrungen von dem großen Naturganzen, das in seiner unfassbaren Schönheit und Unermesslichkeit vielleicht Alexander von Humboldt als einer dere ersten neuzeitlichen Menschen so mit allen Sinnen verspürt hat, so durch und durch. Zwar hatte Hegel die Dialektik als Erkenntnismethode schon entdeckt, doch legten Humboldts Zeitgenossen lieber weiterhin die bipolare Schablone auf das Weltgeschehen.

Und was tun wir? Wir nageln gern bis heute unsere Chancen an Kreuze und fahnden nach einer Gegenwelt aus Antiteilchen. Unsere Kinder spielen weiter Räuber und Gendarm und wenn sie so groß sind, Krieg wie wir. Wie eh und je wollen wir hoch hinaus und fallen uns vor die Füße. Zwar prophezeiht uns niemand mehr den Sturz in einen Abgrund, wie jenen kühnen Seefahrern, die Ende des 15. Jahhunderts der sinkenden Sonne nach die Herkulessäulen passierten, doch verwirrt uns mehr denn je die vermeintlich unendliche Weite vor Augen. Bringt der sphärische Lebensraum uns um den Verstand? Nur Lebewesen, die ihn nicht haben, nicht? Gelänge uns dann besser uns vor uns selbst in Sicherheit zu bringen? Im Vorschein des Endes?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert