Jetzt häufiger denke ich, wie wünschenswert heute, wo hierzulande wieder alle Register gezogen werden, um Wirklichkeit zu vertuschen und Meinungen zu manipulieren, ein Werk wie „LTI“ von Victor Klemperer wäre, jenes grandiose Notizbuch des deutschen Literaturwissenschaftlers über die Sprache des Dritten Reiches.
Zum Beispiel in Zusammenhang mit unserer Überzahl, mit der wir längst natürliche Grenzen überschreiten. Oder mit dem Wachstumswahn von Politikern und Ökonomen, mit dem wir aller Sparsamkeit zum Trotz mit wissenschaftlich-technischen Innovation Lebensnotwendiges verbrauchen. Und – last, but not least – mit einem wiedererwachten Nationalismus, der gegen ein Denken hin auf gemeinsame Lösungen globaler Probleme Front macht.
Noch weiter zurück als meine Lektüre von „LTI“ reichen die im Grammatikunterricht erlernten Steigerungsformen von Adjektiven: laut, lauter, am lautesten; schnell, schneller, am schnellsten; gut, besser, am besten; und so weiter. Mit dem Verbrauch von Lebenswichtigem, der verhindert, dass Wohlstand ein Gemeingut werden kann, wird auch das kleine ‚gut‘ zum knappen großen ‚Gut‘, und die Steigerungsstufen verkehren sich.
Ist etwas oder jemand ‚besser‘, heißt das nicht, ersiees wären auch mindestens ‚gut‘ oder vorher einmal ‚gut‘ gewesen. Und was erhoffe ich, wenn ich ‚gute Besserung‘ wünsche? Wenn mein Leben ‚besser‘ wird, woran ich das auch messe, heißt das doch nicht, dass es jemals ‚gut‘ gehen muss. Und wenn ich sehe, was alles in der Welt geschieht, fände ich es wirklich ‚gut‘, nach etwas ‚Besserem‘ Ausschau zu halten?
Neulich sagte mein Kardiologe nach einem Ultraschall, um mein Herz herum sähe es gut aus und fügte hinzu: „Besser als gut geht nicht“. Ein kluger Mann.