Seit den 1970er Jahren wird diskutiert, ob die Belastung der Erde durch die Menschheit tragbar ist oder zum ökologischen Kollaps führt. Mit dem „ökologischen Fußabdruck“ fand Mathis Wackernagel vor knapp 20 Jahren einen Weg, diese Belastung für jeden Einzelnen zu berechnen und mit der Tragfähigkeit der Erde zu vergleichen. Dass wir auf viel zu großem Fuß leben, ist kein Geheimnis mehr.
In der 2012 veröffentlichten globalen Prognose „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome“ untersucht der norwegische Zukunftsforscher Jørgen Randers anhand des ökologischen Fußabdrucks die Folgen der Überbelastung des Planeten und verknüpft das mit Biodiversität.
Randers splittet den ökologischen Fußabdruck in einen energetischen und einen nicht-energetischen: „Der energetische Fußabdruck bildet die CO2-Emissionen ab […] Der nicht-energetische Fußabdruck zeigt an, wie viel Fläche Land ein Mensch nutzt“. Dieser Wert hat „zwischen 1970 und 2010 langsam zugenommen, von 60 Prozent der Tragfähigkeit im Jahr 1970 auf 70 Prozent im Jahr 2010.“ Bleibt der energetischen Fußabdruck unberücksichtigt, verbraucht die Menschheit demnach weniger Land, als auf der Erde zur Verfügung steht. Das ist gut.
“Die schlechte Nachricht ist, dass sich durch die Zunahme des nicht-energetischen Fußabdrucks der Umfang der ungenutzten Biokapazität deutlich verringert hat: die Landfläche, die Menschen noch nicht [für Nahrungsmittel, Holz und Siedlungsflächen] nutzen. Der ungenutzte Teil der Welt ist in den vergangenen 40 Jahren deutlich von 40 auf 30 Prozent der verfügbaren Fläche geschrumpft. Umgerechnet auf die Bevölkerung fällt dieser Rückgang noch dramatischer aus: Er sank von 1,2 auf 0,3 Hektar pro Kopf.“ Diese Fläche wird bis 2052 auf unter 20 Prozent sinken. Das heißt, die Menschen werden dann praktisch jede verfügbare Fläche für sich nutzen.
Biodiversität bezeichnet die Variabilität unter lebenden Organismen und die ökologischen Zusammenhänge. „Fossilienfunde zeigen, dass es in den letzten 400 Millionen Jahren fünfmal zu Massenaussterben kam, die alle natürliche Ursachen hatten“, schreibt der Verhaltensökologe Stephan Harding. „Aber das größte Massenaussterben ereignet sich heute, und es wird ausschließlich durch die Wirtschaftsaktivitäten unserer modernen Industriegesellschaft verursacht. Wir verlieren derzeit bis zu tausendmal so viele Arten als von Natur aus aussterben würden. Deutlich ausgedrückt: Wegen unserer unersättlichen Gier nach Holz, Soja, Palmöl und Rindfleisch sterben täglich 100 Arten aus, überwiegend in tropischen Regenwäldern.“
Vor allem der Klimawandel, ist Harding überzeugt, wird verheerende Folgen für die Lebensvielfalt haben: „Die Welt von 2052 wird ein überdimensionierter Zoo sein, nur viel schlimmer. Die früher zusammenhängenden Ökosysteme an Land werden zu winzigen Habitatinseln zusammengeschrumpft sein, umzingelt von Feldern der Agrarindustrie, zerschnitten von Straßen, Hochspannungsleitungen und ausufernden menschlichen Siedlungen. Gleichzeitig werden große Teile des Planeten nahezu unbewohnbar für die meisten Arten sein, uns selbst eingeschlossen.“
Während das die Existenz für die Bevölkerungen der ärmeren Länder sofort bedroht, könnte in den industrialisierten Ländern „die erste Folge des Massenaussterbens eine enorme psychische Verarmung sein“. In den künstlichen Welten der technisierten Städte fehlt die natürliche Welt mit wild lebenden Tieren, die von Anbeginn die menschliche Psyche geformt haben. Biodiversität wirkt sich auf unsere Gefühle und Erinnerungen aus.
Ein anderer Aspekt ist die Balance der Ökosysteme. Wenn viele Arten vorhanden sind, die eine ähnliche ökologische Funktion ausüben, ist, wenn die Umweltbedingungen sich drastisch verändern, die Wahrscheinlichkeit höher, dass nicht alle Arten aussterben und ihre ökologische Funktion weiter erfüllt wird.
Eine hohe Artenzahl ist auch die Voraussetzung dafür, dass es bei veränderten Bedingungen Arten gibt, deren bis dahin marginale ökologische Funktion plötzlich entscheidend für die Stabilität des Ökosystems wird. Auch wird angenommen, dass in artenreichen Ökosystemen die Nahrungsnetzbeziehungen stabiler sind.
Schließlich hat der Rückgang der Biodiversität vermutlich einen Einfluss auf das Ausmaß von Epidemien. Viren, Bakterien und pathogene Pilze können sich leichter verbreiten und die Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen gefährden.
Der Zusammenhang zwischen Fußabdruck und Artenschwund ist also ein doppelter. Jeder kann verstehen, dass sich mit dem Platz, den wir zunehmend beanspruchen, der Platz für anderes (Leben) verringert. Noch schwerer wiegt, dass sich mit dem komplexen Zusammenhang der irdischen Lebensformen und ihrer reduzierten Vielfalt unsere eigenen Existenzbedingungen verschlechtern.