Finistère

Sechshundert Kilometer oder sechs Autostunden von Paris liegt der westlichste Ort Frankreichs, die schroffe Klippe Pointe du Raz auf dem Cap Sizun, auf dem der Wind mit den Menschen spielt. Machte er Ernst, hielte sich hier niemand auf den Beinen. Diese äußerste Klippe liegt im Département Finistère, das vormalige ‚finis terrae‘ der Römer, für die dieser Ort das ‚Ende der Erde‘ war. Die Bretonen wussten mehr und nannten ihre Heimat ‚Penn ar Bed‘, das ‚Haupt der Welt‘.

Gefühlt ein Dutzend französische Filme habe ich gesehen, in denen die größte Sehnsucht der meist in Paris ansässigen Protagonisten ist, den Altantik zu erleben. Allerdings geben sie sich häufig mit der normannischen Küste zufrieden. Vielfältiger in ihrer Pflanzen- und Tierwelt, im Wechsel der Gezeiten, im Ausmaß von Zerklüftung und Glätte, von Rauhheit und Sanftheit ist die bretonische Küste, nicht zu reden von dem keltischen Volk, das sich hier niederließ und mit seiner Sprache und Tradition eine Kulturlandschaft prägte.

Doch wo wohnen die Bretonen? Wieder einmal werde ich mir einer Täuschung bewusst, die ein Tourismus vorgaukelt und verschweigt, dass es dafür einer Art des Reisens bedarf, die Entbehrung abverlangt und erst wenn die Rückkehr gelingt, erfüllend und das weitere Leben prägend sein kann.

Diesmal habe ich großes Glück, weil mir in Saint-Thégonnec ein Regal ein ins Deutsche übersetztes Buch „Bretonische Erzählungen“ in die Hände schubst. 1914 in Pouldreuzic geboren, einem kleinen, 20 Kilometer von Quimper entfernten Ort nahe der Atlantikküste, wird sein Autor Pierre-Jakez Hélias zunächst Lehrer für Französisch, Latein und Griechisch. Nebenher entdeckt er mit Gedichten und Erzählungen seine Sprachlust und sammelt fast 30 Jahre lang die bis dahin meist mündlich weitergegebenen Erinnerungen und Geschichten der einfachen Bevölkerung. Über die Bretagne und Frankreich hinaus bekannt wird er mit dem 1975 erschienenen, in bisher 18 Sprachen übersetzten autobiografischen Roman „Das Traumpferd“, den Claude Chabrol 1980 verfilmt.

Die „Bretonischen Geschichten“ sind poetische Perlen, die Elke Krämer mit feinem Gespür und großer Sprachfertigkeit so übertragen hat, dass ich immer wieder überrascht und ergriffen von ihren Bildern bin. Sie zeigen eine Wesensart, die in ihrer Verwurzelung und Unverwüstbarkeit, in ihrer Klugheit und List und Ausdauer jedem Gespinst aus Gier und Macht, das droht, widerstehen kann und auch noch da sein wird, wenn unsere KI-generierte Ratlosigkeit zerfallen ist.

Und nochmals habe ich Glück, als ich heute unweit der Hinkelsteine bei Camaret-Sur-Mer auf die Ruine „Manoir du Boultous“ stoße, das 1944 zerbombte Wohnhaus des vier Jahre zuvor in Brest verstorbenen französischen Dichters, Symbolisten und Wegbereiters der Surrealisten Saint-Paul-Roux, den Stéphane Mallarmé seinen Sohn nannte und der mit Maurice Maeterlinck, Paul Gauguin, Guillaume Apollinaire und Paul Verlaine befreundet war. „Saint-Pol-Roux gebührt unter den Lebenden der erste Platz, und mit vollem Recht kann er unter ihnen als der einzige authentische Vorläufer der sogenannten Modernen Bewegung geehrt werden. Es wäre leicht, das zu zeigen, was der Kubismus, der Futurismus, der Surrealismus ihm verdanken“, schrieb seinerzeit André Breton. Sich in dieser Weise an einem Ort der Welt niederzulassen, ist ein starkes Zeichen, das kaum noch der Deutung bedarf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert