die Kinder von Gando

Das Dorf Gando liegt in Westafrika, im „Vaterland der ehrenwerten Menschen“. Weil Geld  die Welt regiert, nimmt es nicht Wunder, dass auch in Burkina Faso die meisten Ehrenwerten nicht in Wohlstand leben und ihre Kinder in Goldminen Steine zerschlagen und Stollen graben, anstatt zur Schule zu gehen. Die gab es in Gando bis 2001 so wenig wie bis heute fließendes Wasser und Elektrizität. Etwa 3000 Einwohner haben eine Lebenserwartung von knapp über 50 Jahren, die Säuglingssterblichkeit liegt bei 20 Prozent (weltweit bei 3,8 und in Deutschland bei 0,3 Prozent) und kaum jeder Vierte kann lesen und schreiben.

Ich würde nichts von Gando wissen, gäbe es nicht den Häuptlingssohn Diébédo Francis Kéré, den sein Vater in die Stadt zur Schule schickte. Mit einer Schreinerausbildung und einem Stipendium kam er 1985 nach Europa, erwarb in Deutschland das Abitur und begann 1995 an der Technischen Universität Berlin ein Studium der Architektur.

Es ist die Zeit, in der die Menschheit zum erste Mal in ihrer Geschichte die Erde als ein Ganzes wahrnimmt, eines allerdings, in dem Güter, technologische Errungenschaften und Zufriedenheit sehr ungleich verteilt sind. Manche halten das für einen temporären Systemdefekt, der sich mit viel gutem Willen beheben lasse. Die sich weniger vormachen, sehen, dass, wenn es so wäre, es mit der vorhandenen Vernunft schon längst hätte geschehen müssen. Stattdessen werden Unterschiede immer krasser, und die Hälfte der Menschheit ist heute so weit vom Wohlstand entfernt wie noch nie.

Was wird aus dieser geteilten Weltgesellschaft? Wie wird die natürliche Umgebung auf den Homo oeconomicus reagieren? Was wird den Kapitalismus drosseln? Commons-Ökonomie und Care-Ethik werden viel zu lange schon debattiert.

Aus Lateinamerika stammt das Konzept des „Buen Vivir“, des „Guten Lebens“. In seinem Essay „Kapitalismus auf der Zielgeraden“ beschreibt der deutsche Schriftsteller und Politikwissenschaftler Raul Zelik es als „eine harmonische Existenz in Einklang mit Gemeinschaft und Natur“ und sagt: „Während unser Wohlstand über Konsum definiert ist, erinnert der Begriff des „Buen Vivir“ daran, dass ein erfülltes Leben für das Gattungswesen Mensch vor allem durch verlässliche und inspirierende Sozialbeziehungen, durch körperliches Wohlbefinden und das Eingebettetsein in eine vielfältige Natur charakterisiert ist.“

Dem wird, es klingt merkwürdig, die inzwischen international beachtete Architektur von Francis Kéré gerecht. Von seinem Büro in Berlin-Kreuzberg aus gewährt er bietet er uns  Entwicklungshilfe an, um aus kapitalen Irrgängen heraus wieder in eine zukunftweisende Spur zu finden. Erde, Wind und Sonne – wer hätte es gedacht! – sind die wichtigsten Komponenten in seinem Werkzeugkasten. Zum Glück war er egoistisch genug, damit als erstes in Gando eine Schule zu bauen, mit 50 000 US-Dollar, die er in zwei Studentenjahren in Deutschland gesammelt hatte.

Ein Jahr lang brachten die Kinder von Gando jeden Morgen einen Stein zum Bauplatz. Daraus entstand das Funda­ment für das Schulhaus, das 2001 mit drei Räumen für 120 Kinder öffnete. Bald kamen Kinder aus der Umgebung und ein zweites Gebäude entstand. Eine Bibliothek, eine Schulküche, ein Schulgarten und ein Fußballplatz kamen hinzu.

Auskragende Wellblechdächer schützen Wände aus Holz und Lehm vor Regen und fangen die direkte Sonneneinstrahlung ab. Durch Öffnungen in den darunter liegenden Lehmdecken kann die erwärmte Luft aus den Klassenräumen entweichen und im Zwischenraum der beiden Dächer abströmen. Es entsteht ein Kamineffekt, der Frischluft durch Lamellenfenster in die Räume saugt. Eine stromabhängige Klimaanlage ist überflüssig.

Gebaut wurde mit lokalen Ressourcen und mit Beteiligung der Dorfgemeinschaft. In Deutschland erlernte Techniken wurden vereinfacht und mit der traditionellen Bauweise verknüpft. Die Dorfbevölkerung erlebt, dass ihre einheimischen Bauweisen zukunftsfähig sind und Teil der eigenen Entwicklung bleiben. Ein weiterer Effekt des umweltorientierten Konzeptes sind verbesserte Lernbedingungen. Angenehme Temperaturen in den Klassenräumen haben zur Folge, dass die Kinder aus Gando heute zu den besten Schülern in der Region gehören.

Im Schulgarten lernen sie, wie man Pflanzen ohne Dünger und Pestizide setzt, aufzieht und pflegt. Wenn die Eltern die von ihren Kindern erlernten Techniken übernehmen, entfernt Bildung die Generationen nicht voneinander, sondern hilft, gemeinsam den Lebensunterhalt zu sichern.

Eine Eukalyptus-Fassade um die Außenwand der Bibliothek schafft einen schattigen Zwischenraum, in dem die Kinder entspannen und ungestört lesen können. Eukalyp­tusholz ist in Burkina Faso vor allem  Brennholz. Allerdings zieht der Baum viel Wasser aus dem Boden und spendet wenig Schatten. Er begünstigt die Erosion und die Ausbreitung der Wüste. So wurden die als Baumaterial verwendeten Bäume durch Mangobäume ersetzt. Für Licht und Luft im Inneren, wurden traditionell gefertigte Lehmgefäße zugeschnitten und in die Decke eingefügt.

Es ist eine soziale Architektur, die Bildung und regionale Traditionen ein- und ausatmet. „Der Grund, warum ich tue, was ich tue, ist meine Gemeinde“, sagt Francis Kéré und zeigt, „dass Architektur Gemeinschaften inspirieren kann, ihre eigene Zukunft zu gestalten“ und meine ganz nebenbei.

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