Zukunftsschwach ist das System, in das Staat und Marktwirtschaft mich inzwischen so einbetten, dass ich immer noch an eine Demokratie glaube, die noch nie und nirgendsfunktioniert hat. Und das soll alternativlos sein? Das Bestmögliche? Das Bedingungslose Grundeinkommen kann eine Alternative aus fortwährenden Systemkrisen sein und ist keine neue Erfindung, sondern eine stolze 500 Jahre alte Idee.
In dem 1516 erschienenen Roman des Engländers Thomas More „Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia“ wird jedem Bewohner eines fiktiven Inselreichs ein Lebensunterhalt ausgezahlt. Im Jahr 1848, als Karl Marx und Friedrich Engels in London das „Kommunistische Manifest“ als Gegenentwurf zum beginnenden modernen Kapitalismus veröffentlichten, schlug der Belgier Joseph Charlier in der Schrift „Lösung des Sozialproblems“ ein garantiertes Grundeinkommen vor. Die Finanzierung aus Einnahmen für Nutzungsrechte an natürlichen Ressourcen scheiterte damals am Privateigentum an Grund und Boden.
In den 1960er Jahren wurden in den USA die praktischen Folgen eines Mindesteinkommens getestet, gedacht als ergänzende staatliche Transferzahlung, die jedem Bürger das Existenzminimum sichern sollte. Befürchtungen, dadurch schwände der Arbeitswille, bestätigten sich nicht. Obwohl Unternehmer und Gewerkschaften für eine Ausweitung des Tests plädierten, ließen die staatlichen Behörden das Projekt im Sande verlaufen. Ebenso endete in den 1970er Jahren ein Experiment in Kanada, bei dem drei Jahre lang jedem der 8000 Einwohner des Städtchens Dauphin in der Provinz Manitoba monatlich umgerechnet 350 Euro ausgezahlt wurden.
Nach wie vor spielen allerdings Politiker, Unternehmer und Militärs mit diesem Gedanken. Verlockend und plausibel ist die Aussicht, mit einer staatlich garantierten Existenzsicherung keinen Arbeitsplatz garantieren, keinen Arbeitskampf führen und den Zorn einer Arbeitnehmerschaft fürchten zu müssen, die in existenzielle Not gerät.
Wenn aber niemand mehr gezwungen wird, seine Arbeitskraft zu verkaufen, fehlt das wesentliche Argument für Bedrohungen und die behauptete Notwendigkeit, sich bekriegen zu müssen. Werden wir, wenn alle ihr Auskommen haben, dann noch Lust haben, das eigene Leben im Kampf zu verlieren? Sold sein Auskommen hat, das Leben anderer beenden wollen? Ehrgeiz wäre nicht länger an Karrieren und Besitzstände gekoppelt und auf Kosten anderer leben einfach nur Schwachsinn. Auf höchstem Niveau balancieren wäre die größte Kunst.
Im September 2012 kamen in Ottobrunn bei München zum wiederholten Male Wissenschaftler und Aktivisten des globalen Netzwerks BIEN zusammen, das seit 1986 die Idee eines universellen Grundeinkommens verfolgt. Die Südtirolerin Judith Hafner, Teilnehmerin des 14. Kongresses des Basic Income Earth Network, verdichtete die Intention der Netizens:
„In der Welt, wie wir sie kennen, / definiert unser Gehalt, / was wir „unser Leben“ nennen: Essen, Schlafen, Aufenthalt. / Wie wir Leben neu gestalten, / ist in diesem Denkmodell leider Gottes nicht enthalten: / wer nicht sputet, der wird schnell / aus dem Raster fallen / und das Raster droht uns allen. / Deshalb sputen wir und rennen, / anstatt zu verweilen, / um einander zu erkennen / und am Leben mit zu feilen. / Denn: „Ein Mensch muss sich beeilen!“ / Ja, mit einem Grundeinkommen / würde dieses Hamsterrad / aus den Käfigen genommen / und wir stünden vor dem Pfad / wirklicher Entscheidung: / Will ich Sinn oder Vermeidung? / Bin ich mutig oder klein? / Bin ich frei oder allein? / Was ich bin und was ich lebe, / stünde plötzlich in der Schwebe.“
Das ist etwa die Hälfte des Gedichts „Bitte wenden!“, das wie in kaum einem Sachtext zum Thema die Konsequenz benennt, die ein universelles Grundeinkommen haben wird: ein Leben in der Schwebe akzeptieren und sich darin auch noch wohlfühlen zu sollen. Wir wollen doch Sicherheit. Nur ist es eine Illusion, sie in einer Wachstumsgetriebenen Gesellschaft je haben oder kriegen zu können.