GERHARD GOBSCH: Eine kühne, großartige Entscheidung: Bob Dylan erhält den Literatur-Nobelpreis! Nach der Bekanntgabe waren meine Augen feucht. Mit seinen Liedern gingen Millionen auf die Straße oder träumten wie ich! Hoffnung? Zuversicht? Mut? Zweifel? Demut: “The answer, my friend, is blowing in the wind!“ Oder Luther: “Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen!“
SELBST: Das schreibt ein passionierter Hobby-Gitarrist, der in tiefen DDR-Zeiten in einer Rock-Band gespielt hat. Was sagt Bob Dylan zu dieser literarischen Ehrung?
Man kann nur spekulieren, was ihn zu seinem bisherigen Schweigen bewogen hat. Auch bei der Ehrung durch Barak Obama mit der amerikanischen Freiheitsmedaille war Bob Dylan auf der Bühne wenig präsent. Früher schuf er Hymnen, bei deren Gesang Millionen Menschen gegen den Vietnamkrieg oder für die Rechte der Schwarzen auf die Straßen gingen. Spürt er, dass er inzwischen Teil des Establishments, Teil des Kommerz geworden ist? Oder wird er an den alten Satz erinnert: Genies sterben früh?
1965, während einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg auf dem Campus der Berkeley-Universität Kalifornien, sagte der amerikanische Schriftsteller Ken Kesey zu den Versammelten: „Ihr wisst doch, dass ihr diesen Krieg nicht mit dieser Kundgebung beenden könnt, auch nicht mit Marschieren. Marschieren, das machen doch die. Die machen Kundgebungen und die marschieren. Seit zehntausend Jahren haben sie Kriege geführt. Kundgebungen veranstalten und marschieren, auf diese Tour werdet ihr das nicht stoppen können. Das Spiel, das ihr mitspielt, ist nämlich deren Spiel. Vorigen Monat war ich bei den Beatles, und da hörte ich Zwanzigtausend Mädchen schreien. Sie schrei‘n Ich! Ich! Ich! Ich! Ich bins! Das ist der Schrei des Ego, und das ist der Schrei dieser Kundgebung! Und das ist der Grund, warum Kriege geführt werden. Weil es genug Leute gibt, die Ich schreien wollen. Tja, Leute, ihr spielt denen ihr Spiel. Es gibt nur eins, was man tun kann und das ist, dass jeder sich das anguckt, sich den Krieg anguckt und ihm seinen Arsch hinhält und sagt: Fuck it! Seht ihn euch einfach an und wendet euch ab und sagt: Fuck it.“
Als ich studierte, haben wir uns damals oft darüber unterhalten, ob Kunst eine Gesellschaft besser machen kann? Ob Menschen, Völker beispielsweise durch einen Antikriegsfilm wenigstens etwas friedfertiger werden, ohne die Erfahrung des realen Krieges machen zu müssen? Was ich inzwischen weiß: Vielleicht! Aber sollte es vielleicht so sein, dann ganz ganz langsam. Die Evolution geht ganz ganz langsam.
Über uns hinweg?
Du schreibst von der Notwendigkeit für einen Wandel, aus dem sich ein wertvolles globales Miteinander ergeben kann. JA, JA, JA! Aber wie? Warum fällt es den Menschen so schwer, den 10 Geboten zu folgen oder später den kommunistischen Idealen oder …? Sind nicht die derzeitigen Kriege in Nahost ein Abbild dessen, was bereits im 30jährigen Krieg geschah? Jetzt nur schneller, globaler, technischer, wissenschaftlicher. Manchmal denke ich, dass ein paar Reförmchen möglicherweise besser sind als große Revolutionen. Luther: „Wenn ich wüßte, dass morgen die Welt unterginge …“. Was beschert uns die Wissenschaft gerade in unserer Zeit, und mit welchem rasanten Tempo? Wie oft habe ich mir diese Frage gestellt. Der Geist ist aus der Flasche; er geht nicht wieder zurück.
Ich denke, es werden keine Revolutionen sein, die schon am ersten Tag blutverschmierte Hände haben und dass Reförmchen etwas bringen, kann ich mir nicht vorstellen.