„documenta fifteen“ 4

VIELHEIT & GÄNZE

Lebenszeit an sich ist noch gar nichts wert. Das wird mir am letzten Tag von dem in Barcelona lebenden mexikanischen Künstler Erick Beltrán (geb. 1974) im Museum für Sepulkralkultur beigebracht. In seinem Projekt „Manifold“ („Mannigfaltigkeit“) geht er für die documenta fifteen gemeinsam mit Wissenschaftlern der Frage nach, was Macht ist. Warum ausgerechnet an diesem Ort? Die Antwort ist verblüffend: Weil die Diskrepanz zwischen unserem kurzen Dasein und dem ungeheuren Aufwand an Raum, Zeit und Materie, die es braucht, um ein Menschendasein hervorzubringen, nirgends klarer zutage käme.

„Die Idee des Individuums ist bekanntlich erst vor 300 Jahren entstanden. Meine Arbeit thematisiert den Clash westlicher Denkstrukturen mit anderen Weisen, die Welt zu sehen“, sagt der Künstler. „Die Suche nach einer Form oder einem Körper ist ein Versuch, eine Grenze zwischen dem Ganzen und seinen Teilen zu definieren, zwischen dem Willen des Einzelnen und der unsichtbaren und allwissenden Ordnung des Ganzen. Wie entscheiden wir über das, was wir sehen? Wer erzählt unsere Geschichte? Wer hat die Macht?“

Sind wir in der Lage, Wirklichkeit von der Gänze her wahrzunehmen? Können wir es lernen? Ist es vielleicht notwendig, um den Augenblick zu überdauern? Der Mexikaner hat Bürgerinnen und Bürger von Kassel nach Bildern gefragt, die sie vor Augen haben, wenn sie an Macht denken. In einem ersten Schritt zeigt er das Ergebnis der Befragung.

In einem zweiten Schritt bildet er ab, was er darin als Struktur gefunden hat. Es ist eine Kombination aus Gespür und Erfahrung, Wissen und Intuition. Auf diese Weise „erscheint (ihm) ein schwer zu beschreibender Körper: zugleich einzeln und multipel und in seiner Bewegung Raum und Zeit teilend“.

Teilend im Zusammenhang, also kein Zerfall der Gänze, sondern die Gestaltung von den in ihr aufbewahrten Menschenmöglichkeiten. Sie abrufend wird ‚lumbung‘ Metapher und Praxis für ein werthaltiges Leben.

HARVEST

„Idealerweise kann lumbung ein Modell sein, das viele Menschen besitzen, anpassen, entwickeln und benutzen können“, steht im documenta-Handbuch und: „Die Art, wie Zellorganismen oder rhizomartige Strukturen sich selbst aufspalten, um klein zu bleiben, ist ein nützliches Modell. Ein großes Format bringt unabsehbare Folgen mit sich.“ Wieso richten wir unser Leben so gnadenlos auf Größe aus? „Das Schwierigste bei der Erzeugung von lumbung ist der Aufbau von Vertrauen und Affinitäten.“

„Das, was wir (hier) machen, ist eine documenta-Version von lumbung“, erklären ruangrupa und das Künstlerische Team der documenta fifteen und fragen, „ob sich die entstandenen Beziehungen aufrechterhalten lassen, ohne der alten Logik der Ressourcen zu folgen, bis sie alle domestiziert, systematisiert und institutionalisiert sind“.

‚Harvest‘ nennen die ‚lumbung‘-Leute, was sich während der documenta-Zeit für sie ergibt. Harvest kann ein Notizzettel sein oder eine hier geschriebene Geschichte, entstandene Zeichnung, Gefilmtes, Tondokumente oder Memes.

Ich notiere: ‚lumbung‘ kann dann funktionieren, wenn unsere Vielzahl sich an die Ressourcen anpasst und wenn wir unsere Strukturen kleinteilig halten. Dass das geschieht, sehe ich nicht. Dass es möglich ist, sehe ich hier.

Das ist meine ‚Ernte‘ der vier documenta-Tage, ein verändertes Verständnis von Kunst. Ähnlich dem der griechischen Antike? Dort gab es – zur Unterscheidung von den ‚Artes mechanicae‘, den ‚praktischen Künsten‘ – den Kanon der ‚sieben freien Künste‘. Dazu zählten Grammatik, Rhetorik, Dialektik und, darauf bauend, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Das war die Basis für das antike griechische Weltbild, für seine Werte und Visionen.

Das fatale Manko war, dass sich (damals) nur Männer die Kompetenz gaben, sie zu entwickeln und auch nur solche Männer, die sich um Alltägliches wie Broterwerb nicht (mehr) kümmern mussten. Ihr Wissen wuchs und etablierte Hierarchien, die bis heute lediglich modifiziert wurden. Erkenntnisse wie die des Forschungsreisenden Alexander von Humboldt, dass Natur ein großer Zusammenhang ist, kamen der Verfestigung und Verbreitung ihres Weltbildes in die Quere. Und neuerdings, massiv, die Wirklichkeit. „Einsatz, Engagement durch alle Schwierigkeiten hindurch können Teil einer neuen kollektiven Geschichte werden, Striche auf einer neuen Landkarte, die von zahllosen Händen gezeichnet wird“, erhofft sich der deutsche Schriftsteller und Historiker Philipp Blom in dem 2023 erschienenen Buch „Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung“.

„Die documenta zeigt uns, wie wichtig es ist, miteinander, voneinander und gemeinsam zu lernen, um eine bessere Welt zu verwirklichen. Jetzt ist die Gesellschaft am Zug“, meint Sri Maryanto von Taring Padi. So erlebe ich die documenta fifteen und wie die nachträgliche Begründung für die gegenwärtige Notwendigkeit der einst von Josef Beuys erfundenen Sozialen Plastik,

Auf dem Weg zu meinem Zug zurück, der am Bahnhof nicht auf mich wartet, bleibe ich im Gewimmel am Friedrichsplatz stecken. Von einem Aperol-Spritz auf dem Freisitz am Restaurant „Alex“ fällt mein Blick auf ein Bild hinter einem Denkmal an der Fassade des C&A-Kaufhauses.

Ich werde nachlesen, dass an seiner Stelle einmal ein Stadtschloss stand, dass der Platz einmal Opernplatz hieß und das Denkmal einem Hofkapellmeister aus dem 19. Jahrhundert gilt, der an der Kasseler Oper arbeitete. Das Bild erkenne ich auf den ersten Blick als eines von Taring Padi. Es heißt „Rakyat Demokratik“ ( „Volksdemokratie“). Es ist eine Replik. Das Original entstand nach dem Sturz des Diktators Suharto im Jahr 1998. Islamische Fundamentalisten haben es verbrannt. Umsonst.

 

 

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