„documenta fifteen“ 2

FRIDERICIANUM

In dem seit 1995 als Kulturbahnhof fungierenden Kasseler Hauptbahnhof sind in den Räumen der Bahnhofsmission Objekte und Skulpturen des US-amerikanischen Konzeptkünstlers und Politaktivisten Jimmie Durham (1940-2021) zu sehen. Im Mittelpunkt erforscht ein Video ein wildes Biotop, das aus den Ruinen einer Monokultur entstanden ist. In einem verlassenen Gewächshaus in Ligurien (in Nordwestitalien) verwandelt die Kletterpflanze Clematis vitalba bei Wassermangel und wachsender Hitze eine Rosenzucht in einen trockenen Dschungel, in ein Denkmal für ein verwildertes Ökosystem im Zustand allmählicher Erschöpfung. Die Ursache ist kein lokaler Zufall, sondern eine im Klimawandel enthaltene Lebensfeindlichkeit.

Auf dem Bahnhofsvorplatz breitet sich eine „Horizontale Zeitung“ aus, die der Rumäne Dan Perjovschi (geb. 1061) während der documenta fifteen Neuigkeiten aus Kultur, Politik, Gesellschaft und Sport mit Kreidebildern immer wieder aktualisiert. Das Projekt hat der Künstler aus seiner Heimatstadt Sibiu mitgebracht, wo es zu einem Netzwerk sozialer und kultureller Initiativen wurde. „Visuelle Kunstplattform“ heißt es dort. In einem zweiten ‚Auftritt‘ hat er seine Idee in die Vertikale gebracht und die Portalsäulen des Fridericianum in ‚Kolumnen‘ verwandelt. Dort verknüpfen sie ‚lumbung‘ mit Großzügigkeit, Unabhängigkeit und Regeneration.

Es ist die Einstimmung für das Innere des klassizistischen Museumsbaus, der Ende des 18. Jahrhunderts auch Ständepalast war und einen Parlamentssaal und die fürstliche Bibliothek enthielt. Im Gebäude ist diese Struktur mit kreativem Verstand außer Kraft gesetzt und Raum und Zeit wird auf hier noch nie dagewesene Weise zugänglich. „Spätestens mit dieser documenta ist sein Nymbus als elitärer Kunsttempel endgültig dahin“, hat mich gestern der Guide im Hübner Areal vorgewarnt.

‚Gudskul‘ nennen die drei indonesischen Kollektive ruangrupa, Serrum und Grafis Huru Hara den Rauminhalt, wo geistige und kreative Ressourcen angelegt sind, um weitergegeben zu werden. Ursprünglich, das war 2018 in Jakarta, war ‚Gudskul‘ ein Ort für gemeinsames chillen. Heute ist er mit den Clustern „Freundschaften schließen“, „Von Freund:innen lernen“ und „Sich selbst organisieren“ Bestandteil des indonesischen Bildungswesens.

El Warcha, eine 2016 initiierte Gruppe von Designer:innen und Bewohner:innen der Medina von Tunis verwandelt Museumsraum in eine lautstarke Werkstatt, in der sich jeder spielend an Projekten beteiligen und sie weiterentwickeln kann. So ist eine „Bibliothek der Objekte“ entstanden, wo Prototypen, Fundstücke und Materialien aufbewahrt werden. Sie geben der Idee der von der Menschheit jahrtausendelang praktizierten Weitergabe von Wissen durch gemeinschaftliches Tun eine neue Perspektive.

Waza nennt sich ein 2010 gegründetes kongolesisches Kollektiv. Auf Suahili bedeutet ‚Waza‘ sich etwas vorstellen. Im Kongo beherbergt es eine Bibliothek, ein Tonstudio, ein Web-Radio und eine Zeitungsredaktion, die Gruppen und einzelne Akteure der Sparten bildende Kunst, Musik, Literatur, Comic und Tanz nutzen. Auf der documenta fifteen präsentiert sich das Kollektiv als Plattform für kuratorisches Wissen. Eine Untergruppe, die sich, abgeleitet von ‚Kurator‘, ‚Kirata‘ nennt, distanziert sich vom internationalen Kunst- und Kulturmarkt, der Kunst in erster Hinsicht verwertet.

Die seit 2014 bestehende OFF-Biennale Budapest ist eine Gruppe aus der ungarischen Kunstszene. Sie will neuartige Arbeitsweisen im Kultursektor etablieren und lehnt staatliche Förderung ab. Im Fridericianum suchen die Akteur:innen Antworten auf die Frage, ob und wie sich ein transnationales Museum für Roma-Kunst gestalten lässt, um die Bruchstücke einer unerzählten Vergangenheit und einer neu sich entfaltenden Gegenwart in einem „RomaMoMA“ zeigen zu können.

Der Australier Richard Bell (geb. 1953) ist ein kreativer Rebell und Kämpfer für die Rechte der Aborigines. Er selbst bezeichnet sich als Propagandist. In der westlichen Kunstwelt ein ‚Enfant terrible‘ und ‚bad boy of Aboriginal art‘, zeigt er in Kassel seine Protest- und Textgemälde.

Auf das Dach des Fridericianum hat er in Anspielung auf das „Metronome“ am Union Square in New York ein Zählwerk für die Schulden des australischen Staates gegenüber den Aborigines montieren lassen. Mir wird klar, dass die von Menschen verursachten Umweltschäden mit Geld nicht auszugleichen sind. In einem Zelt vor dem Fridericianum zeigt der Künstler Dokumentarfilme über die Aborigines, die sich mit Almosen nicht mehr abfinden lassen.  Für Liveauftritte in Kassel hat er indigene Slam-Poetinnen, Rapper, Tänzerinnen, Filmemacher und bildende Künsterinnen aus Brisbane eingeladen.

Im Zwehrenturm des Fridericianum ist zu sehen, wie sich die bosnische Roma-Künstlerin Selma Selman (geb. 1991), die heute in Amsterdam lebt, mit Überlebensstrategien in ihrem Heimatdorf Ružica auseinandersetzt. Mit Altmetall und Recycling greift sie die Begriffe ‚Arbeit‘, ‚Inwertsetzung‘, ‚Ökonomie‘, ‚Rassismus‘ und ‚Nachhaltigkeit‘ auf und stellt die Frage nach der Macht der Kunst.

„In meinen Arbeiten schneide ich Stücke aus Fahrzeugen heraus, die zwischen dem Malerischen und dem Skulpturalen angesiedelt sind. Da ich seit meiner Kindheit eine sehr persönliche Beziehung zu Metall habe, verschmelzen die Schrottarbeiten Eindrücke des Alltags, der Kunstgeschichte, der Umgangssprache und des Metalls mit meinen eigenen Erfahrungen.” Das mehrteilige multimediale Werk „Platinum“ aus dem Jahr 2021 besteht aus einem skulpturalen Objekt und einem Film, der eine mehrwöchige Performance mit ihrer Familie und Freund:innen in der Nationalgalerie vom Bosnien und Herzegowina dokumentiert.

SCHATTENGÄNGE

Draußen hat die Sonne die Luft auf über 30 Grad Celsius erhitzt. Schattengänge suche ich und Innenräume, die Hitze abhalten oder regulieren.

An der Karlsaue beschirmt Bambusgeflecht den „Küchengarten“ von Britto Arts Trust aus Bangladesh. ‚Britto‘ heißt in Bangla ‚Kreis‘. Dort erforscht das Kollektiv verlorene Geschichte und Gemeinschaften und beeinflusst von der Neun-Millionen-Metropole Dhaka aus den sozio-politischen Umbruch im Land. Der Künstler untersucht den Verlust von Landrechten, Umwelt und Kultur und arbeitet mit seinen Projekten gegen die Kommerzialisierung von Lebensmitteln. Als Teil des Triangle Network, ein Netzwerk von Kunstschaffenden und Organisationen, hat die Gruppe internationale Reichweite erlangt. In Kassel setzt sie in einen „Küchengarten“ eine Hütte, in der migrantische Menschen täglich ein Mittagsmahl zubereiten und beim gemeinsamen Essen Geschichten und Erinnerungen tauschen.

In die documenta-Halle nebenan gelange ich durch einen Tunnel. Inspiriert von der traditionellen Behausung des Massai-Volkes und den Slums in Nairobi, gelange ich durch einen gewundener Gang in einen multimedialen Raum, in dem die Künstlergruppe Wajukuu Art Project aus Kenia „Ready-made-Skulptur“ zeigt, abgeleitet von ‚Ready-made‘ (‚Fertigware‘). Sie verfremden Alltags- und Naturgegenstände und kombinieren sie zu Kunstwerken, die die Lebensbedingungen in Lunga Lunga widerspiegeln, dem am dichtesten besiedelten Slum der Viereinhalb-Millionen-Stadt. Regelmäßig wird er von Bränden und Bulldozern verwüstet. Tatsächlich ist es ein Kunststück, darin einen „Katalysator für gesteigerte Vorstellungskraft und Solidarität“, zu entdecken, wie es im documenta-Handbuch heißt.

Mit einer Skateboardanlage hat das thailändische Non-Profit-Kollektiv Baan Noorg Collaborative Arts and Culture die ungeteilte Aufmerksamkeit von jugendlichen Besucher:innen. ‚Baan Noorg‘ heißt ‚Zuhause draußen‘ und ist der Name eines Dorfes im Verwaltungsdistrikt Nongpho, in dem die Künster:innen des Kollektivs Zuhause sind. Sie widmen sich uralten Mythen und urbaner Subkultur. Für die documenta fifteen haben sie einen Wissensaustausch mit hiesigen Kleinbauern begonnen. Hierbei geht es um Erkenntnisse und Methoden in der Milchviehhaltung, auf die die Landwirtschaft in Nongpho 1968 umgestellt wurde, als weltweit die Reispreise fielen.

Hitzefrei sind die Räume im Naturkundemuseum Ottoneum. Nicht nur deswegen ist mir das südkoreanische Kollektiv ikkibawiKrrr gleich sympathisch. ‚ikkibawi‘ heißt in der Landessprache ein mit Moos bewachsener Stein und ‚krrr‘ ist eine Lautmalerei. Miteinander verbunden, deutet das neue Wort die Verbindungen „zwischen Pflanzen und Menschen, Zivilisation und Natur“ an. Bei seiner Installation arbeitet das Kollektiv mit Seetang, der während der kriegszeit als Nahrungsmittel wurde, doch auch der Herstellung von Waffen diente.

Im zweiten Obergeschoss befindet sich seit der dOCUMENTA (13) die im 18. Jahrhundert von Carl Schildbach geschaffene „Holzbibliothek“, für die 2012 der US-Amerikaner Mark Dion (geb. 1961) ein sechsseitiges Regal schuf, das wiederum auf die „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ anspielt, eine „Soziale Plastik“, mit der Josef Beuys (1921-1986) auf der documenta 7 Aufsehen erregte.

1982 ließ der deutsche Aktionskünstler vor dem Fridericianum 7000 sechseckige Basaltsäulen aufschichten und pflanzte neben daneben einen ersten kleinen Eichenbaum. Wer nun bereit war, 500 D-Mark zu spenden, durfte, das war die Idee von Beuys, an anderer Stelle der Stadt ein Eichenbäumchen pflanzen und mit einer der aufgeschichteten Säulen markieren.

Beuys, von seinen Feinden – die damals nicht gleich noch die documenta mit abschaffen wollten – als Scharlatan beschimpft, sagte dazu: „Das hat mich nicht verwundert, denn sogar so eine vernünftige Sache wie das Pflanzen von Bäumen hat hier in Kassel Proteste ausgelöst. Wenn die Kunst heutzutage mit erneuernden Vorstellungen an die Menschen herankommt, haben sie oftmals ihre Schwierigkeiten damit. Das war mir immer klar.“

Fünf Jahre dauerte es, bis dreieinhalb Millionen D-Mark zusammengekommen, 7000 junge Eichen gesetzt und die Basaltsäulen vom Friedrichsplatz verschwunden waren. Das Ende der Aktion hat der Künstler nicht mehr erlebt. Vergessen ist weitgehend, dass er Bäume als wesenhafte Subjekte sah, denen eigene Rechte fehlen: „Sie wissen ganz genau, dass sie entrechtet sind. Tiere, Bäume, alles ist entrechtet. Ich möchte diese Bäume und diese Tiere rechtsfähig machen.“ So könnten wir, denkend und handelnd, zukunftsfähig werden.

Auch das Bistum Fulda bemüht sich. Auch angenehm kühl ist es in der Elisabethkirche am Friedrichsplatz, die zum wiederholten Mal in der documenta-Zeit einen eigenen Raum für Gegenwartskunst öffnet. „Poem of Pearls“ nennt Birthe Blauth ihre Installation. Mit Kunstrasen hat sie das Kirchenschiff ausgelegt, in die Mitte eine Feuerschale gestellt und mit Perlen gefüllt. Sie sollen die menschliche Seele symbolisieren. Es ist kein Paradiesgarten, es bleibt ein Gelegenheitsort für Vergewisserung und um davonzugehen. Ins Erwartete zurück. Dank sei Gott?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert