Verantwortung

In der Antike ging das Wort ‚Verantwortung‘ in die Begriffe ‚Schuld‘ und ‚Zurechnung‘ ein. Das althochdeutsche ‚antwurti‘ war in erster Bedeutung die Antwort auf eine Frage. Mit der Vorsilbe ‚ver‘ bekam es eine ethymologische Geschichte. Das mittelhochdeutsche ‚verantwürten‘ meinte die Rechtfertigung vor einer Gerichtsbarkeit, später das Einstehen für etwas.

Eine erste Monographie zur ‚Verantwortung‘ verfasste 1884 der französische Philosoph und Ethnologe Lucien Lévy-Bruhl mit seiner Dissertationsschrift „L’idée de responsabilité“. Eingang in die philosophisch-moralische Diskussion fand ‚Verantwortung‘ im 20. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Wort zu einem Schlüsselbegriff in der Ethik.

Natur hingegen ist unverantwortlich. Verantwortet kann nur ein Geschehen werden, das beabsichtigt ist und das, was dann tatsächlich geschieht, schon vorher als Möglichkeit absehbar war. Mit Intelligenz hat das etwas zu tun und mit Lebenserfahrung. Die Redewendung „organisierte Verantwortungslosigkeit“ las ich erstmals im Buch „Die Alternative“ von Rudolf Bahro. 1977 erschien seine ökonomische Kritik des Sozialismus, mit der der 1935 in Schlesien Gebürtige und in den 1950er Jahren an der Ost-Berliner Humboldt-Universität diplomierte Philosoph zum Stardissidenten der DDR avancierte.

Das Buch war ein solider Angriff auf das politisch-ökonomische System der DDR und für die Staatsmacht eine ungeheuerliche Provokation. Bahro wurde stante pede verhaftet und Ende Juni 1978 unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen „landesverräterischer Sammlung von Nachrichten“ und „Geheimnisverrat“ zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Heute sieht es so aus, als hätten wir andere Sorgen. Tatsächlich geraten wir, wenn wir  keine eigene Verantwortung für unsere Überzahl, für Wachstumsökonomie, Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung, Artenverlust, Kriege und Pandemien übernehmen, sondern anderen und anderem die Schuld zuweisen, in existenzielle Not.

Selbstbewusst brauchen wir auf, was nötig ist, um die Biosphäre, unser Lebenselixier, im Gleichgewicht zu halten. Von Anbeginn, zeigen Archäologen und neuerdings Archäogenetiker, trifft unsere Spezies Entscheidungen vor allem im eigenen Interesse. Für den Überlebenskampf eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe in bedrohlichen Lebenslagen ist das plausibel. Für eine globale und zeitliche Ausweitung unserer Spezies reicht das nicht aus.

Ich kenne keine Schule, in der der verantwortliche Umgang mit unseren Möglichkeiten gelehrt wird. Leidenschaftlich gern spielen wir seit Jahrtausenden mit ihnen und sind mit dem zufrieden, was wir zuwege bringen. Oder eben nicht. C’est la vie?

Der Menschensprache, diesem Hirnwunder, an dem wir uns so gern berauschen, verdanken wir, Verantwortung überhaupt verstehen zu können. Mit der Sprache entdecken wir unsere Einzigartigkeit, lassen uns aber auch gern mit ihr in Illusionen treiben, in denen wir uns für auserwählt halten, die Welt zu sortieren, zu regulieren, zu regieren. So gut gefällt uns das, dass wir sie in Schrift- und Atemzügen von allem befreien wollen, was diese Illusionen verderben könnte. Erst dann – ist eine davon – wären wir wirklich frei. Von Verantwortung.

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