Wieder einmal führt mir der Verstand vor, wie schwierig es ist, klar zu denken. Im Alter von 22 Jahren las ich „3/4 Hundert Kleingeschichten“ von Erwin Strittmatter. Dabei hakte sich der Satz „Wo ein Plus, da auch ein Minus“ so fest in mir, dass ich mir eingebildet habe, er käme in dem Buch mehrfach vor. „Gesetz“ nannte Strittmatter diesen Satz sogar. Ich gab mich damit zufrieden, ihn entdeckt zu haben.
Erst der 31 Jahre später gesehene Film „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle über das Leben des US-amerikanischen Mathematikers John Nash, seit dem eine 1950 von ihm entdeckte Wechselwirkung „Nash-Gleichgewicht“ genannt wird, gab den Anstoß, über Gleichgewichte nachzudenken.
Weitere acht Jahre dauerte es, bis sich mir mit dem Buch „Genie und Wahnsinn. Das Leben des genialen Mathematikers John Nash“ von Sylvia Nasar das Wesentliche ausgeglichener Naturzustände einigermaßen erschloss. Von da an erzählte ich hier und da davon und schrieb auch einen Essay „Der Club of Rome und meine Liebe zur sphärischen Geometrie“, in dem es unter anderem um diese für das Leben unentbehrlichen Zustände geht.
Hier spielt – ein kleiner Exkurs – die Entropie eine gewichtige Rolle. Sobald nämlich einem Gleichgewichtszustand – ein Zustand hoher Entropie in einem abgeschlossenen System – Ressourcen entzogen werden, destabilisiert es sich. Leben ist aber auf eine Umwelt im Gleichgewicht angewiesen, um sich reproduzieren zu können. Es scheint möglich, dass sich das Ökosystem Erde für menschliches Zeitempfinden sehr lange im Gleichgewicht halten lässt. Wenn also seine Lebensformen Zeit haben, sich zu reproduzieren und sich an Veränderungen anzupassen, sich mit ihnen zu verändern.
Irgendwann, das ist chemisch-physikalisch aber auch bio-logisch, wird das nicht mehr gelinhen und das System sein Gleichgewicht verlieren und darin auch das Leben. Ich weiß, dass das für das Universum in seinem unfassbaren Ausmaß unerhablich ist. Tröstlich für uns könnte aber sein, dass die Natur wieder und weiter neue Gleichgewichte kreieren wird, die – natürlich! – auch wieder temporär sind. Untröstlich bin ich allerdings, wenn ich unsere Lebensgefährlichkeit bemerke. Kein Sinnesorgan hat sich bisher entwickelt, das uns alarmiert, weil das große Ganze aus dem Gleichgewicht kommt.
Zurück zu ‚Plus‘ und ‚Minus‘, der einfachsten Rechenart der Welt und einem Spaziergang durchs Gelände, ich könnte auch ‚durch Ressourcen‘ sagen. Dabei gelang meinen Gedanken heute tatsächlich zum ersten Mal, die Verbindung zwischen John Nash’s Entdeckung und Strittmatters scheinbar lapidarem Satz herzustellen, um überrascht zu sein, dass der Satz gar nicht lapidar ist. Der Satz ist einfach und genial und auf dem gleichen Level, wie die Genialität von John Nash.
Nur ist es so, ganz gleich, was ich mir einbilde, dass ich von Luft und Liebe allein nicht leben kann, dass ich meiner Umgebung notwendig etwas nehmen muss, um selbst da zu sein und möglichst auch noch gern, was für das große Ganzen ein kleines Minus mit sich bringt. Das ist der Ausgleich für den Anspruch, da zu sein. Doch ist mein Gelände, solange ich es mit mir nicht übertreibe, sogar darauf eingestellt? Ich bin ja auch aus ihm hervorgegangen!
Mein Problem ist demnach nicht, dass ich mir die Welt als für mich geeignet wünsche, sondern dass meine Sinne mir vorgaukeln, das sollte immer und ewig so bleiben. Oder ist es mein Verstand, der sich so schwer tut, dieses „Wo ein Plus, da auch ein Minus“ in der Konsequenz zu denken?