850 Jahre alt ist der Ort Risch, 20 Kilometer von Luzern entfernt, im Schweizer Kanton Zug. Seit 2012 hat er mehr als 10 000 Einwohner. ‚Städter‘ dürften sie sich nennen, möchten aber weiter lieber in einer Gemeinde leben. Auch den Zusammenschluss mit der benachbarten Kleinstadt Rotkreuz, die seit Ende des 20. Jahrhunderts ein Pharma-Standort ist, möchten sie nicht.
Im Juni entlud sich über der Gemeinde eine Gewitterzelle und verursachte „erheblichen Sachschaden“. 110 Einsätze fuhr die Feuerwehr. Das Dach des Gemeindezentrums wurde von Windböen heruntergerissen, das Freibad verwüstet und im Ortsteil Buonas der Baumbestand an der Seeuferpromenade. Seitdem gehört Risch zu den extremwettergeschädigten Orten der Alpenrepublik. Personen kamen nicht zu Schaden, und die Bestandsaufnahme erschien den Einheimischen als Glück im Unglück. Bis auf zwei von ihnen, deren Geschichte ich jetzt erfuhr.
Vor zwei Jahrzehnten waren die zwei, ein alterndes Ehepaar, nach Risch gezogen, um ein Häuschen mit einem großen Garten zu bewohnen. Dessen Prachtstück war ein stattlicher Nussbaum neben dem Eingang zum Haus. Dort lebten sie zufrieden und im Reinen mit sich und der Welt, bis in der Unwetternacht nie für möglich gehaltene Wasserströme stundenlang das Grundstück fluteten und den Nussbaum niederrissen.
Das Haus beschädigte der Baum beim Fallen nicht. Die Erleichterung darüber schwand allerdings, weil beide bald entdeckten, dass kein noch so raffinierter, kein noch so kostspieliger künstlicher Sonnenschutz ihn ersetzen konnte. Nichts würde ihnen im Sommer je wieder den luftigen Schatten zufächeln wie die Nussbaumkrone. Jahrzehnte würde es dauern, bis ein neuer Baum gewachsen war. Über ihre Zeit hinaus.
Nach und nach bemerkten sie den Einfluss, den der Baum über seine Schattenspende hinaus auf ihre Leben hatte. Nach und nach hatte sein Dasein sie durchdrungen und verbunden. Als er noch stand, wären sie nie auf die Idee gekommen, ihr Beieinander anders als aus sich selbst heraus zu erklären. Jetzt fühlten sie eine tagtäglich größere Unsicherheit, wenn sie miteinander und im Haus und im Garten umgingen.
Im Herbst ergriff sie Ratlosigkeit und ließ sie nicht mehr los. Die täglichen Gänge durch den Garten wurden umständlicher und länger. Bald schien es ihnen, als wichen sie einander aus, denn immer seltener kreuzten sich ihre Wege. Geschah es aber, war die Freude nicht mehr dabei. Auch die Entdeckung, dass Grün und Blütenfarben wieder zurück in den Garten fanden, brachte sie einander nicht mehr näher. Das hatte doch nichts mehr mit ihm zu tun? Und dass die Zuversicht verloren ging, die treue Freundin ihrer Tage.
Bis sie ahnten und mit jedem Tag sicherer wurden, worauf das hinauslief. Langsam verwirrten sich die Gänge über den Garten hinaus in die Gegend hinein, die ihnen immer öfter fremd vorkam. Weil sie das nicht wahrhaben wollten, erklärten sie es sich eine Weile mit der fehlenden Umzäunung, die die Unwetterflut zu großen Teilen fortgerissen hatte. Da musste ihnen entgangen sein, dass sie sich fortbewegten. Beruhigung brachte ihen das nicht. Wohin denn fort und wann? Und wussten es längst: nirgendwohin und jetzt.