„Louise en hiver“

Im Jahr 1939 im französischen Besançon geboren, in den Auftakt eines entsetzlichen Jahrzehnts hinein, egalisierte Jean-François „Jef“ Laguionie diese Bürde, indem er Theatermann und Filmregisseur wurde. Inzwischen ist er 81 Jahre alt. Sechsundvierzig war er, als er 1985 seinen ersten abendfüllenden Animationsfilm schuf und sicherlich Andy Warhols Gründung des Animationsstudios „La Fabrique“ in seiner New Yorker „Factory“ bemerkte.

Erst jetzt sah ich seinen Film „Louise en hiver“, der 2016 entstand. Der deutsche Titel  „Louise und das Meer“, gibt zugunsten einer oberflächlichen Assonanz das wichtige Wort ‚Winter‘ auf.

Die alte Dame Louise verbringt die Sommermonate in dem kleinen Badeort Biligen-sur-Mer, den die Touristen aufwühlen wie den Strand, splitternd im Kindergeschrei, ertrinkend in einem Meer aus Sonnenschirmen und Badeanzügen, während Düfte von Eiscreme und Sonnenmilch durch seine schmalen Gassen wehen. Bis alles sich am Ende der Saison ganz ohne Zauberspruch und Hexerei auflöst.

Aber diesmal verpasst Louise den letzten Zug zurück in die Stadt. Plötzlich sitzt sie fest, ohne Telefon, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne die Chance auf Gewohntes. Niemand erwartet sie irgendwo. Niemand vermisst sie. Es wäre eine gute Gelegenheit, das Leben selbst zu verlassen, doch Louise denkt gar nicht daran. Sie richtet sich neu ein. Neugierig wie nie zuvor erkundet sie den Ort und seine Umgebung und Erinnerungen kommen. Was sie alles findet! Schließlich sich selbst. Wozu soll das gut sein? Aber sie fühlt sich wohl und findet nach und nach heraus, dass Vergangenes zur Gegenwart dazugehört, nie wirklich verloren ist, sondern unbemerkt das Leben durchwebt und seine Einzelheiten zu einem Muster verknüpft. Zu einem Plan?

Es kommen und vergehen Herbst, Winter, Frühling mit Abenteuern, die an Robinson Crusoe erinnern, nur dass Louise auf keiner Insel ist, sondern in einem Städtchen, in das sie sich zum ersten Mal verliebt, in sonderbar vertraute Orte, wie eben aufgewacht. Fühlt Altern sich so an? Geht so das Leben hin? Nein, zu sich kommt es so, zu ihr, blüht in ihr auf und trägt schmackhafteste Früchte.

Bis ich wie sie bezaubert bin von Farben, Klängen, Zeichen, woraus – hier bin ich mir des Wortes nicht mehr sicher für das was – entsteht. Nenne ich es ‚ein Wunder‘ oder ‚ein Glücksgefühl‘ oder ‚Verständnis‘ oder ‚Zuneigung‘ oder ‚Sehnsucht‘? Dann wird ein Hund ihr Begleiter, der ihre Einsamkeit zerteilt und zerbröckelt, bis der Wind sie, staubzerfallen, auf nimmer Wiedwersehen mit sich nimmt.

Lagouionies komponiert den Film im Stil des ‚Ligne claire‘, der klaren Linie. Er schafft präzise Konturen, verzichtet auf Schraffur und Schattierungen und arbeitet mit einer einfachen Flächigkeit die vielen Nuancen heraus, die mir so nahegehen. Mit Aquarell, Tusche und Kreide in der Art, wie Anfang des 20. Jahrhunderts damit umgegangen wurde, schafft er mit  milden Farben auf einem strukturierten Untergrund das Raum- und Zeit-Kontinuum für eine Welt, in der Madame Louise sich erleben lässt wie eine Königin in ihrem Reich.

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