„Positively 4th Street“

„Positively 4th Street“ ist ein Rocksong von Bob Dylan aus dem Jahr 1965. Nach „Like a Rolling Stone“ war er seine – im Radio nie gehörte – zweite Hit-Single. Ähnlich im Aufbau – ein kurzes fortwährend wiederholtes Thema, das nicht hinplätschert – dringt er tief und tiefer ein, bis zur Beängstigung.

Jetzt erst entdecke ich die Eigenart des Textes. Es lässt sich wie eine Abrechnung mit einer Person lesen, die ihm eine Freundschaft vorspielt, tatsächlich aber darauf aus ist, eigenen Vorteil aus der Bekanntschaft zu ziehen. Eine Person, die sich gern auf der Gewinnerseite sieht aber gern als bedauernswertes Opfer erscheint. Dylan hinterfragt die Gründe, warum die Person hinter seinem Rücken spricht und Interesse heuchelt. Am Ende singt er den Wunsch, sie möge einmal in seinen Schuhen stehen, um zu verstehen, wie es ihm geht. Es geht ihm um Oberflächlichkeit und wie schmerzhaft Freundschaft sein kann, wenn Empathie und echtes Verständnis in ihr fehlt.

Aus dem Titel „Definitiv die vierte Straße“ wurde ein autobiographischer Bezug herausgefunden. Dylan hat in Manhattan in der vierten Straße gewohnt. Ich stoße auf die Vermutungen, Adressat des Songs sei sein Freund Izzy Young. Er habe Dylan in der Szenezeitung „East Village Other“ Abstinenz bei Demos gegen den Vietnamkrieg vorgeworfen und dass er Dylans Kommentar auf ein geteiltes Echo nach seinem Auftritt beim Newport Folk Festival im Juli 1965 gewesen wäre.

Interessanter ist die Annahme, der Song rechne mit Edie Sedgwick ab. Sie war das Aushängeschild von Andy Warhols Factory und eine Muse Dylans, lebte ihr Leben in vollen Zügen und starb schon mit Achtundzwanzig. „Es ist dieser verschwenderische Lebensstil mit Partys, Besitztümern und dem Umfeld, in dem sie verkehrte, der viele zu der Annahme geführt hat, dass Dylan mit seiner kraftvollen, ermutigenden Kritik genau darauf abzielte“, lese ich.

Edie Sedgwick, Model und Schauspielerin, entstammte einer einflussreichen Familie, deren Vorfahren schon im 17. Jahrhundert aus England einwanderten. Wenn ich lese, der koloniale Hintergrund ihrer Abstammung könnte die Bildsprache in beiden Song, also auch in ‚Like A Rolling Stone‘ beeinflusst haben, traue ich das Dylan mit seinem lyrischen Vermögen ohne Weiteres zu.

Kurz vor Dylans Heirat mit Sarah Lownds soll er eine Affäre mit Sedgwick begonnen haben. Ihr Bruder behauptet sogar, sie sei schwanger von ihm gewesen und habe das Kind abtreiben lassen, damit es nicht drogenabhängig werde wie sie. „Sie sagte, das sei der traurigste Moment in ihrem Leben gewsesen“, erzählte er der „New York Post“.

Bei dieser Textrecherche kommt mir die Schönheit der Musik des Songs nicht abhanden. Im Gegenteil paart er sich mit ihr zu einem Kunstwerk, das aggressive Verachtung in Gleichgültigkeit verwandelt, ohne die Wucht von Trennungsschmerz zu verlieren:

Ich wünschte, du könntest nur einmal in meinen Schuhen stecken / Und nur für diesen einen Moment könnte ich du sein / Ich wünschte, du könntest nur einmal in meinen Schuhen stecken / Dann wüsstest du, wie ätzend es ist, dich zu sehen

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