pandemisches Gespräch

SELBST: Ist es möglich? Eve!

GERTIE TESCH: Gertie. Gertie Tesch.

In pandemischen Zeiten. Gut sehen Sie aus.

Das macht die Kunst. Die Filmkunst. Schon vergessen?

Im wirklichen Leben ist Anne Wiazemsky, damals die Schauspielerin der Eve, inzwischen verstorben.

Das ist schade.

Das ist das Leben über die Kunst hinaus.

Wozu auch gehört, dass sie mit Jean-Luc Godard, dem Autor und Regisseur von „One plus One“, dem ich Ihre Aufmerksamkeit verdanke, zwölf Jahre verheiratet war.

Unser erstes Date hatten wir während LEGIDA. Das ist lange her.

Jetzt haben wir CORONA.

Wo waren Sie bei den Demos von FRIDAYS FOR FUTURE?

Der Klimawandel läuft uns nicht davon.

Das Virus hoffentlich bald.

Viren sind keine Feinde. Die Virologin Karin Mölling nennt sie Opportunisten und schreibt in ihrem Buch „Supermacht des Lebens“: Die Viren haben uns gemacht. Sie sind die Ideengeber der Evolution. Sie bewirten sich nicht nur bei uns, sondern drehen an unserem Erbgut.

Oder murksen uns ab.

Wenn wir schon krank sind oder genetisch disponiert oder ein schwaches Immunsystem haben. Jedenfalls agieren sie nicht strategisch.

Da bin ich aber froh und dass die Todesfallquote nur bei fünf Prozent und nicht bei fünfzig liegt.

Dem Planeten täte es gut. Aber Viren agieren in großen Zusammenhängen. Nehmen wir es nicht persönlich.

Wie denn sonst?

Die Pandemie weist auf unsere Lebensverhältnisse hin. Könnten wir unserer Spezies die Arroganz abschminken, sähen wir besser, was gut für uns ist und was nicht. Stattdessen geraten wir in Panik, doch wenn die Pandemie vorbei ist, wollen wir nichts mehr als das, was vorher war.

Als wäre nichts gewesen.

Nicht die Viren sollten uns beunruhigen, sondern unser idyllischer Individualismus inmitten beängstigender Massenhaftigkeit. Sie kennen doch auch das kolonialistische Argument vom „Volk ohne Raum“. So hieß ein 1926 erschienener Roman von Hans Grimm. Die zentrale These ist, dass der deutsche Mensch, wenn er nicht dem Untergang geweiht sein soll, mehr Raum zum Leben brauche. Für die Nazis war das die Steilvorlage zur Begründung ihres Eroberungswahns. Allerdings beruht die These auf einem Denkfehler.

Tatsächlich?

Nicht der Raum ist das Problem, sondern das Volk. Der Raum ist eine Konstante, die wir akzeptieren, wenn wir nicht ganz dumm sind. Die Veränderliche in der Gleichung ist das Volk. An ihr sollten wir arbeiten.

2023 wird die Erde acht Milliarden Menschen haben, 1974 waren es vier. Was ist denn wünschenswert?

Die Zahl ist keine Konstante. Sie hängt von unseren Lebensweisen ab.

Sie haben doch eine im Sinn? Heraus damit!

Sie ist regional verschieden und hängt mit dem ökologischen Fußabdruck zusammen. Vielleicht vier Milliarden? Besser wären drei.

Da müssen die Viren noch heftig mutieren.

Wie wäre es, wenn wir uns mal verändern und zum Beispiel eine globale Geburtenkontrolle entwickeln?

Das ist mir nicht geheuer.

Lieber Ungeheuer? Passen Sie auf sich auf. Leben Sie wohl.

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