Die Welt verändert sich, messbar und spürbar unseretwegen und tendenziell nicht zum Besseren. Ein Problem des bewussten Selbst sind die unterschiedlichen Wahrnehmungen ein und derselben Wirklichkeit. Das hat objektive und subjektive Ursachen. Objektiv sind die verschiedenen individuellen Voraussetzungen und die verschiedenen Umgebungen, in denen wir leben. Subjektiv kollidieren unsere Interessen und Lebensweisen ursächlich mit der wachsenden Anzahl von Menschen.
Wie verarbeiten kreative Menschen ein Geschehen, das die eigene Spezies in die Bredullie bringt? Auf der kürzlich besuchten documenta 14 in Kassel erlebte ich zum ersten Mal so klar und deutlich die Reibung der Kunst an einer Umgebung, in der jahrhundertelang auf Kosten anderer gelebt wird und maßlos Ressourcen für das eigene Wohlbefinden verbraucht werden, die woanders fehlen. Dass die Reaktionen darauf wie homöopathische Dosen erscheinen, mag in Kassel an dem fünfjährlichen Zyklus der Kunstschau liegen. Beunruhigungen reichen kaum über das Ausgestellte hinaus oder beziehen sich nur darauf. In dieser Hinsicht ist die 57. Biennale Venedig im Vorteil.
In der Parkanlage GIARDINI, die Napoleon im Sestiere Castello, größter und östlichster der sechs Stadtteile, anlegen ließ, präsentieren sich 28 Länder in nationalen Pavillons. Ein „Zentraler Pavillon“ greift das Biennale-Motto „Viva Arte Viva“ auf.
Weil „heute angesichts weltweiter Konflikte und Verwerfungen“ insbesondere die Kunst „Zeugnis vom wertvollsten Anteil dessen ablegt, was uns menschlich macht“, will die Französin und Kuratorin Christine Macel auf die Kunst und die Situation der Künstler aufmerksam machen. Weil für sie „die Rolle, die Mitsprache und die Verantwortlichkeit der Künstlerinnen und Künstler im Zusammenhang zeitgenössischer Debatten entscheidende Faktoren“ sind. Weil durch die „individuellen Einsätze die Welt von Morgen eine wenn auch sicherlich noch ungewisse Gestalt gewinnt, für die Künstlerinnen und Künstler aber oft ein besseres Gespür bewiesen haben als andere“. Das ist schon mal ein Statement.
Im Stadtteil Castello liegt auch das zweite Biennale-Gelände ARSENALE. Einst war es eine Schiffswerft und im vorindustriellen Zeitalter der größte Produktionsbetrieb Europas. Im langen Schlauch der Corderie, der Seilerei, werde ich durch neun TransPavillons geführt, beginnend in der Innerlichkeit des „Pavillon der KünstlerInnen und Bücher“ bis zum „Pavillon der Zeit und der Unendlichkeit“. Dazwischen liegen Pavillons der Freuden und Ängste, der Gemeinschaft, der Erde, der Traditionen, der Schamanen, der Farben und der dionysische Pavillon. Weiterhin sind 23 nationale Ausstellungen im ARSENALE untergebracht.
Ein drittes KunstGelände ist dieser Tage VENEDIG selbst. 36 Länder haben sich in über die Stadt verstreuten Räumlichkeiten eingemietet. An Kanälen, Plätzen und in Gassen locken sie diskret oder überraschen; mich mit einer Erinnerung.
Anfang der 1970er Jahre las ich in Aufsätzen des sowjetischen Kulturwissenschaftlers Moisei Kagan (1921–2006) von der kulturellen Dimension des Menschen. In den 1970er bis 1990er Jahren veröffentlichte er Werke zur Geschichte des ästhetischen Denkens, der Weltkunst und der Kulturphilosophie. Kultur sah er als „einen eigenartigen Filter, bei dessen Passieren die Natur vermenschlicht und die Gesellschaft zum sozialen Wesen des menschlichen Daseins wird“ und diesen Filter als „eine Schöpfung des Menschen und gleichzeitig seinen Schöpfer“. Jedes neugeborene Menschenkind war für ihn ein „Kandidat“, der sich mit seiner Sozialisation zum menschlichen Menschen erst qualifizieren muss. In allen Menschen-Kandidaten sah er (potentielle) Künstler und Künstlerinnnen. Welch ein Vorwurf!
