Wo sind die Intellektuellen?

„Die Wahrheit zu suchen, nicht sie als bereits gegeben hinzunehmen (da beginnt die Lüge der Ideologie) – und sich selbst immer wieder als solch ein vom Irrtum wendender Wahr-heitssucher öffentlich zu zeigen –, das scheint die Arbeit des Intellektuellen“, schreibt der Autor und studierte Philosoph Gunnar Decker in „1965. Der kurze Sommer der DDR“ und präzisiert: „Das meint vor allem die Künstler, Regisseure und Autoren und nicht die an Universitäten und Instituten angestellt-abhängigen Denker, die die Klasse der Intelligenz bilden: dem herrschenden geistigen Vakuum eine eigene Denkbewegung entgegenzustellen!“

Wo sind die Intellektuellen heute? Sie sterben wie just Roger Willemsen, tauchen ab oder bleiben spurlos, hinterlassen kaum Ermutigendes und schaffen auch keine Strukturen, die die Wirklichkeit zu unseren Gunsten verändern.

Wie zum Beispiel in der „FAZ“  beklagt und nicht einmal unsympathisch, vom Religionspädagogen Fred Beuscher, dem „leseschwache und verantwortungsscheue“ Studienanfänger auffallen. „Warum sind Studenten so mutlos und verzweifelt, wenn es Widerstände gibt?“, fragt er und: „Wo sind Neugier und Abenteuerlust geblieben?“

Nicht die Studienanfänger, sondern die Studienabgänger sind aber das Problem. Am Ende seines Beitrags hüpft ihm dann die Katze aus dem Sack: „Liegt es denn in der Natur von Schule, Menschen unmündig und abhängig zu machen?“ Das sei nicht „Schuld der Schule, sondern Ergebnis einer unseligen Kooperation von Lehrern und Schülern, die dem Ideal folgen, man müsse am besten immer schon alles wissen“, meint er.

Ich denke, es ist einfacher, nämlich dass von Regierungen finanzierte Bildung noch nie ein anderes Ziel hatte, als staatstragende Untertanen auszubilden. Gewiss ist es möglich, um Missverständnisse auszuräumen, dass auf diesen Bildungswegen viel Wissen vermittelt und auch gespeichert wird. Entscheidend ist jedoch, mit welchem Ziel das geschieht. Läuft das Ganze auf eine gleichförmige, pflegeleichte und folgsame Masse hinaus, ist es bedenklich.

Soll es besser mit uns weitergehen, wird es vielmehr auf die von Decker beschriebenen Menschen ankommen, die sich eigenverantwortlich um ihren Nachwuchs kümmern. Nur entdecke ich solche Nachwachsenden leider immer seltener, geschweigedenn Netzwerke, die sie knüpfen. Ein Hoffnungsschimmer wäre, dass die bedenkliche Lage der Nation nicht irgendwie über uns gekommen ist, sondern mit einem sehr durchschnittlichen Führungspersonal, mit dem die vorerst abgetauchten Intellektuelle im Ernstfall wenig Mühe haben sollten.

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