Santanas Musik

Im Mai 2002 habe ich Carlos Santana schon einmal erlebt. Damals füllte seine Band die „Arena Leipzig“ mit Musik. Wie starker Wind wehte sie von der Bühne her und bog ihn bedenklich. Bis ich begriff, dass er den Sturm erschuf, der bog und wirbelte und mich durchdrang. Sonst widerstehe ich instinkiv allem, was mich derart bedrängt. Dieses Mal vertraute ich dem Sound, öffnete mich ihm, ließ es geschehen und konnte es nicht erklären.

Obwohl ich nie nach Santanas Musik suchte, hat sie mich seit Woodstock im August 1969 immer wieder gefunden, häufig aus dem Radio, doch auch von einer Langspielplatte, die ich in den 1970er Jahren für einige Tage in die Hände bekam und zu Hause auf ein Tonband überspielen konnte. Nach Leipzig war sie aus dem bundesdeutschen Westen gelangt, illegal und in der subversiven Szene eine kostbare Rarität.

Nun kam mir Santanas Musik im Potsdamer „Lustgarten“ nahe, ergriff mich auf die gleiche Weise. Die Zeit hat ihr nichts anhaben können. Vielleicht hat die Musik ja die Zeit hierhin geführt, mich hierhin transportiert? Oder sie hat sie aufgehoben. Dafür spricht die alles außer Kraft trommelnde Schlagzeugerin Cindy Blackman, mit der der Maestro seit 16 Jahren verheiratet ist. Eine seltsame Sicherheit verströmt sie in ein Publikum, dem die Welt zusehends unsicherer wird.

Bisher war ich der Meinung, Santanas Musik lege Klänge aus, aber sie webt ein Muster, das die Heimwege in den friedvollen Sommerabend hinein nicht auflöst. Mit dem Blick in viele Gesichter sehe ich, dass es darin nicht zerfällt, sondern sich auswächst. Sich auswirkt. Wie gute Geschenke es tun.

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