Selten hat mich ein Film so überrascht. Weil ich in dem zuvor schon Gelesenen das Wesentliche überlesen habe. Oder steht es da gar nicht, sondern nur etwas über einen fiktiven Bankraub im Berliner Milieu mit der technischen Finesse einer einzigen Kameraeinstellung?
Zuerst war ich überrascht, als einziger ‚Alter‘ inmitten von U 30-Leuten zu sitzen. Die holt der Film allerdings nicht ab, um sie ins Irgendwo zu transportieren. Vielmehr zeigt er aus seiner Perspektive ihre Welt und so, wie es großen Erzählern gelingt. Er lässt sie bis zum Ende nicht mehr aus den Fingern. Fassbinder wäre stolz gewesen, ihn gemacht zu haben.
Victoria spielt nicht mit dem Publikum, sie nimmt es mit der schönsten Leichtigkeit so bitter ernst. So läuft ein FilmSpiel zum SpielFilm, und ich ahne, dass die fünf jungen Leute, um die es geht, ihm so wenig entrinnen können wie die um mich herum, der sich hineingezogen fühlt wie in ein gar nicht schwarzes Loch. Trotzdem hoffe ich die ganze verdammte Zeit, dass mir das bittere Ende erspart bleibt. Dass es mich nicht so anfasst.
Während der Film mir das Privileg der Jugend vor Augen führt, Zeit zu haben. Zeit für und Zeit vor sich und die herrschenden Verhältnisse nur eine Halbwertszeit. Ohne erhobenen Zeigefinger wird mir vor Augen geführt, dass es so, wie es jetzt ist, nicht weitergeht. Wenn etwas weitergeht, dann nur in anderen Verhältnissen. Darum geht es inmitten von Disko-Smog, Abhängen, Banküberfall und Verfolgungsjagd. Nicht um das Wiederherstellen alter Ordnung, sondern um den Anfang einer neuen.
Sebastian Schipper, 1968 geboren, schafft einen Film zum Erwachsen werden, ohne so zu werden, wie die Erwachsenen. Er erzählt der still entsetzten Schaugemeinschaft eine Geschichte, um Vergnügen zu bereiten. Kann das sein? Darf er das? Wenn er nicht dürfte, was es will, wäre es keine Kunst, nicht der Rede, nicht der Bilder wert, nicht der Zeit, die er verbraucht, solange ich nicht Willens bin, zu sehen und die Welt zu ändern.
Medial als technischer Gag gefeiert, erweist sich der Echtzeitdreh aus nur einer Perspektive als überzeugendes Mittel, die Lage der Protagonisten abzubilden. So werden Gesichtsfelder manipuliert. So werden Aussichten alternativ. So werde ich gebraucht, statt Zuwendung zu brauchen. Zuneigung muss ich selber finden, Teil dessen, was ich bisher nur als Zufall kenne.