In der vergangenen Woche trafen sich in Potsdam Wissenschaftler aus aller Welt, um die möglichen Folgen des Klimawandels zu besprechen. Einig sind sie sich darin, dass er kommt, dass er schon begonnen hat und dass die Menschen ihn verursachen oder beeinflussen. Strittig ist, wo, wann und mit welchen Folgen die Erde darauf reagieren, wie die Natur sich verändern wird und die Verhältnisse, in denen wir uns eingerichtet haben. Erbärmlich sind die gemeinsamen Erklärungen von Regierungen, Wirtschafs- und Finanzexperten auf internationalen Klima- und Umweltkonferenzen.
Wachstumswahn und nationale Egoismen bestimmen die Debatten. Die Menschheit als eine Population gleichwertiger Individuen ist ihnen fremd. China und die USA erklären die Notwendigkeit völkergemeinschaftlichen Handelns und boykottieren es zugleich.
Wenige Tage nach Abschluss des Potsdamer Treffens patroulliere ich als Deichläufer. Tagelanger starker Regen in Österreich, Tschechien, Bayern, Thüringen und Sachsen hat Bäche und Flüsse ausufern lassen und weite Flächen im Süden und Osten Deutschlands unter Wasser gesetzt. Menschenleben, Behausungen, Waldgebiete, Biotope, Felder und Futterflächen sind gefährdet und werden zerstört. Deichläufer kontrollieren die beschützenden Dämme und verhindert unbefugten Zutritt, der bei Durchfeuchtung lebensgefährlich ist. Sie beobachten, suchen nach Sickerstellen und Ausspülungen, markieren sie und informieren Feuerwehr, technische Dienste und Einsatzstäbe.
Mein Deichstück liegt im Leipziger Süden. Die Weiße Elster, ein kleiner Fluss, hat spielend die Umgebung überflutet. Den Deich wird sie kaum überwinden, rast aber an ihm entlang, der Stadt entgegen, spült ihn weich, drückt und reibt und zieht an ihm. Meine 300 Meter kann gut überschauen, aber was heißt das schon. Das unsichtbare Gemenge unter meinen Füßen ist das Problem.
Fünfeinhalb Stunden sind eine gute Zeit, Schritt für Schritt Dammkrone und Böschung zu untersuchen, das verschieden dichte und hohe Gras zu streifen, den Boden anzudrücken, der verschieden nass und weich ist, Erdbeulen und Dellen abzutasten, eigene Pegelmarken zu setzen und ein dünnes Rinnsal auf der Landseite zwischen Damm und einem Fahrweg im Auge zu behalten, um das sich alsbald das Technische Hilfswerk kümmern will. So schärft sich mein Blick für immer mehr Details.
Als Jahrhundertflut wurde das Hochwasser im Jahr 2002 bezeichnet. Dieser Tage schrumpft ein Jahrhundert auf elf Jahre zusammen. Spielend fast überholt mein Zeitmaß den technischen Fortschritt und macht mich atemlos.