Kürzlich wurde mitten in Leipzig mit großem Bohei ein neuer Konsumtempel geweiht. „Höfe am Brühl“ ist der Name der rund 240 Millionen Euro teuren Shopping-Mall, die sich nun amortisieren muss. 115 000 Konsumenten ließen sich am Eröffnungstag anlocken, 500 000 in den ersten sechs Tagen. „Wir haben mit den Höfen offenbar den Geschmack der breiten Öffentlichkeit getroffen“, wird der Centermanager in der regionalen Presse zitiert. Viele der rund 120 Geschäfte seien von den Kunden regelrecht überrannt worden, heißt es. Der Umsatz wird verschwiegen. Woher soll er auch kommen, wenn die Finanzkraft der euphorisierten Menge nicht mithalten kann?
Der Schriftsteller Clemes Meyer sieht in der exorbitanten Investition einen Gewaltakt, der den Stadtraum „verschandelt“. Meyer schreibt für „DIE ZEIT“: „Die DDR-Neubauten – Ende der sechziger Jahre errichtet, schmale Rechtecke nebeneinander, die immerhin den Blick zwischen ihnen hindurch zur Reformierten Kirche am Ring erlaubten – waren auch keine architektonischen Meisterleistungen. […] Hätte man die Betonzeugnisse der gescheiterten Utopie nicht im Stile der sechziger Jahre herrichten können? Alte Reklame in geschwungenen Lettern auf den Dächern […], viel Orange, viel Blau, […] Trabant und Wartburg, RETRO, Neo, dazu ein Brühl-Museum“. Auf den bemühten Zeitvergleich folgt larmoyante Resignation: „Den einst so großflächig atmenden Augustusplatz verschandeln bis heute die sogenannten Milchtöpfe. Wir haben uns dran gewöhnt, auch wenn’s wehtut. Mit dem Brühl wird’s sicher ähnlich.“
Über Geschmack lässt sich bekanntermaßen nicht streiten, und ein bisschen Wehmut kann nicht schaden, wenn’s nicht gleich Weltschmerz ist. Warum aber sind wir so erpicht auf Jagdszenen wie dieser Eröffnungstage? Um die Zeichen der Zeit zu verdrängen, die ganz andere Katastrophen in Aussicht stellen? Da schwelgen wir lieber im Augenblick. Denken wir, so kommen wir weiter?
Auf jeden Fall!
Nur wohin?