besser denken oder besser nicht?

Das Leben ist heikel. Umso mehr, je mehr ich erlebe? Umso mehr, je mehr ich es bedenke? Da ich an eine Schöpfungsgeschichte nicht glaube, halte ich Natur für etwas ohne Anfang und Ende. Das muss mich, befristet wie ich bin, auf Dauer überfordern, aber denken kann ich das und komme zu der These:

Die Fähigkeit, denken zu können, muss mich schlussendlich enttäuschen, weil es mir nicht gelingen kann, die Welt in ihrer Komplexität wahrzunehmen.

Nur in meiner Umgebung und in überschaubarem Ausmaß gelingt es mir. Zweifellos mit Hilfe des Denkens, doch eben das macht es mir im Leben häufig nicht leichter. Aber warum? Ich denke, weil Denken mich in die Lage versetzt, Komplexität als den Grund für die Welt, zu verstehen, doch nur zum Teil. Zu dem, der mich betrifft, den ich wahrnehme. Nach und nach ein wenig mehr eventuell. Eine Chance, jemals das Ganze zu erfassen, habe ich nicht. Schon weil ich ein Teil davon bin. In Gedanken kann ich mir jedoch Vorstellungen davon machen.

Es geht mir wie den Mathematikern, die im Bereich der Darstellenden Geometrie die Fähigkeit haben, etwa einen Würfel aus einer vierten Raumdimension heraus in die uns zugängliche dritte Dimension hinein abzubilden, auf die gleiche Weise, wie sich ein Würfel aus der dritten Dimension in der zweiten, in der Fläche, als Quadrat darstellen lässt und dieses in der ersten, entlang einer Linie, als Strecke.

Darf ich aber aus der Abbildung des vierdimensionalen Würfels in der dritten Dimension schließen, dass es die vierte wirklich gibt? Die Antwort umgehen die Mathematiker geschickt, indem sie erklären, das sei zwar für ihr Denken relevant, bei dem sie gern bleiben, doch für unsere Wirklichkeit nicht.

Will ich mich damit nicht abfinden, muss ich lernen, mit einem Dilemma zu leben. Das wächst sich allerdings zum Desaster aus, wenn ich erleben muss, dass meine Wahrnehmungen der Welt keineswegs bedeuten, dass sich die Möglichkeiten, die ich dadurch finde, auch verwirklichen lassen. Stattdessen finde ich das Wort ‚Illusion‘, das mir fortan im Nacken sitzt. Mag ich mein Denken auch noch so sehr in den Raum hinein krümmen, es wird sich, solange ich lebe, nicht wieder aus meinem Kopf entfernen.

Wenn aber genau das meine Rettung wäre? Mit dem Denken aufzuhören und mich auf die sinnliche Wahrnehmung der Wirklichkeit zu konzentrieren? Der Wirklichkeit, die mich umgibt, dem Oben, Unten, Rechts und Links, um mich so gut wie möglich darin zurechtzufinden? Das schafft noch kein Unheil.

Das bricht erst über mich herein, wenn ich mich mutwillig desorientiere und maßlos gebärde, wenn ich ignoriere, dass die Welt, die mir zur Verfügung steht, ein end- und anfangloses Werden und Vergehen ist und mir ewig unzugänglich bleibt. So wie ein vierdimensionaler Raum.

Was spricht also dagegen, mich, so gut ich es vermag, in meine Umgebung einzuleben, anstatt Illusionen zu hegen? Was spricht dagegen, mich mit meiner Neugier zu befreunden und mit meinen Verwunderungen, anstatt ihr mit all meiner Macht zu Leibe zu rücken? Sie hat nämlich keinen. Das große Ganzen lässt sich nicht einfach umgestalten, natürlich nicht – heißt: von Natur aus nicht und schon gar nicht von mir. Natur lässt sich nicht sortieren und regieren. Was spricht dagegen, es erst gar nicht zu versuchen?

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