„Mittlere Reife“

Gesetze und Verordnungen, die Arbeit und Soziales regeln sollen, befördern in diesem Land die Zweiklassen-Gesellschaft. Wie sie entsteht, zeigt der Film „Mittlere Reife“ von Martin Enlen nach einem Drehbuch von Ariela Bogenberger an den fünf Jugendlichen Isabel, Kati, Tim, Andreas und Alexander, denen ein Schulverweis ohne Bildungsabschluss droht.

Isabel ist mit einer jüngeren Schwester zu Hause auf sich gestellt. Die Mutter ist für längere Zeit zum Entzug in einer Suchtklinik, der Vater, seit fünf Jahren clean, erleidet einen Rückfall und wird sich wochenlang nicht um die Mädchen kümmern können. Als Kati Isabel zu Beginn einer Schulstunde das Handy wegnimmt, prügeln beide sich blutig.

Der Vater von Kati sitzt wegen schwerem Raub im Gefängnis. Ihrer Meinung nach hat er nichts Schlimmes getan, wollte nur, dass es der Familie besser geht. Die Mutter, die sich immer die falschen Männer sucht, konnte nicht verhindern, dass ihre Tochter zweimal sitzen blieb und zur Diebin wurde, wofür sie vier Tage Jugendarrest bekommt.

Tim, der Sohn des Direktors, hat ADHS. Die verordneten Medikamente nimmt er nicht und nutzt jede Gelegenheit, andere zu verstören. Von den Eltern lässt er sich nichts mehr sagen. Sein Vorbild ist Bill Gates, sein Vertrauter ein Laptop, sein Zuhause das Internet. Dem Vater wäre es recht, wenn er die Schule verließe. Andererseits will er keinen verloenen Sohn.

Die Eltern von Andreas sind vor Jahren bei einem Unfall gestorben. Seitdem kümmert sich sein Großvater, der Stencil-Sprayer ‚Bakunin’, um ihn. Das Zeichentalent des Jungen verdächtigt ihn einer nächtlichen Spray-Aktion, mit der die triste Schulfassade höchst sehenswert wird.

Alexander, genannt ‚Kausti’, ist Russlanddeutscher. Sein Vorbild ist der amerikanische  Astronom Seth Shostak. Ab und an stecken ihm illegale Tänzerinnen einer Erotic-Bar Geld zu, weil er ihnen bei der Beantragung von Arbeits- und Aufenthaltserlaubnissen hilft. Der Schuldirektor hält ihn für einen Dealer, der im Rotlichtmilieu verkehrt. Sein Vater jagt ihn daraufhin aus der für die Familie viel zu kleinen Wohnung.

Die letzte Chance, die ihnen der Direktor gibt, ist eine gemeinsame Projektarbeit zum Thema „Die ideale Schule“. Eine Ethik-Referendarin soll die Problemgruppe betreuen, die sich zweimal in der Woche versammelt und als erstes entdeckt, dass die unfreiwilligen Zusammenkünfte erträglicher werden, wenn sie ihren Frust nicht aneinander abreagieren. Es ist ihr erster kleiner gemeinsamer Nenner.

Als nächstes finden sie heraus, dass in jedem von ihnen zu viel Persönlichkeit steckt, um die (Schul)Verhältnisse aushalten zu können. Dann finden sie Vergnügen daran, ihren Blick auf die Welt auszutauschen. Dieser Wechsel der Perspektive vergrößert den gemeinsamen Nenner, und das wachsende Interesse aneinander erweitert ihre Wahrnehmungsfähigkeit. Ideen entstehen, die kein Lehrplan blockiert oder kanalisiert, Sie schaffen eine Internetseite und vernetzen sich mit Schülern aus anderen Schulen. Am Ende steht eine gemeinsame Aktion, bei der den Lehrern und der Schulbehörde mitgeteilt wird, wie gelehrt und gelernt werden müsste, um chancengleich zu sein.

Der Film endet, bevor er sich selbst überfordert und sich einer Illusion hingibt, denn das tatsächliche Problem sind die Erwachsenen und die Gesellschaft, die sie nicht in der Lage sind zu verantworten.

„Hört uns doch zu“, sind die letzten Worte im Film. Bis dahin werden Sätze gesagt, wie: „Erwachsen sein heißt handeln und dann die Konsequenzen tragen“ und „Wenn Sie in diesem System etwas ändern wollen, müssen Sie es abschaffen“ und „Ich stimme voll zu, aber wenn ich das dem Kultusminister vorlege und es ernst meine, dann bin ich meinen Job los“. Von Pädagog:in zu Pädagog:in gesagt.

Der Film läuft an einem Mittwochabend zur besten Sendezeit in der ARD, gesehen  von 3,77 Millionen. Gleichzeitig richtet der Sender eine Homepage ein, auf der über Visionen einer „besseren Schule“ diskutiert werden soll: Illusionen.

Die erste desillusioniert der Film gleich selbst. Nachdem die Rädelsführer:innen des organisierten Protests der Schule verwiesen sind, postet Einer von ihnen: „Jetzt muss ich los, in meine neue Schule. Sie hat fünf Schüler und eine Lehrerin.“

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