Kulturhaus

In der DDR waren Kulturhäuser selbstverständliche Mehrzweckeinrichtungen für Kinder, Jugendliche, Werktätige und Senioren. Mehr als 1000 dieser Freizeitorte gab es in den 1980er Jahren. Getragen von Kommunen, Gewerkschaften oder Großbetrieben, verfügten sie in der Regel über einen Saal mit Bühne, eine Bibliothek, Räume für Zirkel und Arbeitsgemeinschaften und eine stilvolle Gastronomie. Für ein paar Pfennige oder wenige Mark konnten Konzerte oder Vorträge gehört, Theaterinszenierungen erlebt, Filme gesehen und Feste gefeiert werden.

In den Zirkeln und Arbeitsgemeinschaften wurde kostenlos und oft unter professioneller Anleitung musiziert, gemalt, getanzt, gestaltet, fotografiert, geschrieben. So Entstandenes oder Eingeübtes wurde stolz und herzklopfend an Ort und Stelle vorgezeigt und vorgetragen. Zwar sahen Staat und Partei Kulturhäuser gern als Schulungs- und Agitationszentren, doch hatten die Klubhausleitungen durchaus Spielräume, sie als Stätten lustvollen Aufenthalts zu gestalten.

„An der Saale hellem Strande“ heißt ein 2010 entstandener Dokumentarfilm über das „Haus der Freundschaft“ in Schkopau. 1952 wurde es für die Buna-Chemie-Werke gebaut, eines der fünf größten Industriekomplexe in der DDR. Ernst Busch und Helene Weigel gastierten hier mehrfach mit dem Berliner Ensemble und Künstler wie Marcel Marceau, Juliette Greco, Igor und David Oistrach und internationale Ensembles wie die Mailänder Scala, das Bolschoi-Theater Moskau oder das Königlich-Schwedische Ballett Stockholm. In den Jahren 1965 und 1966 war das Haus für Walter Felsenstein, dem legendären Intendanten der Komischen Oper Berlin, während einer umfangreichen Sanierung der Berliner Spielstätte die erste Wahl für das benötigte Ausweichquartier.

Im Film lebt nicht nur die Geschichte des Hauses wieder auf, sondern ein Konzept kultureller Bildung, das seine Anfänge in englischen Arbeiterclubs des 19. Jahrhunderts und in Volks- und Gewerkschaftshäusern der Weimarer Republik hat. Ohne Nostalgie oder Klugscheißerei entsteht eine antifaschistisch-demokratische Bildungs- und Kulturpolitik, mit der eine Volksmehrheit mit ‚allseits gebildeten Persönlichkeiten’ und einem Bewusstsein für Mitwirkung und Verantwortung den visionären Aufbruch in eine neue Gesellschaftsordnung versuchte. „Lernt und schafft wie nie zuvor, und der eignen Kraft vertrauend, steigt ein neu Geschlecht empor“, dichtete Johannes R. Becher, 1954 bis 1956 der erste Kulturminister der DDR, der sich nach seiner Exilzeit in der damaligen Sowjetunion als Präsident des Kulturbundes um die Rückkehr von Emigranten wie Bertolt Brecht, Hermann Hesse, die Brüder Mann, Lion Feuchtwanger oder Hanns Eisler nach Deutschland bemühte.

Die beiden Regisseure der eineinhalbstündigen Dokumentation haben in den 1950er Jahren im Schkopauer Kulturhaus ihre ersten kreativen Schritte gemacht. Peter Goedel wurde 1945 in Torgau geboren, wuchs in Halle und Potsdam auf, verließ mit den Eltern 1961 die DDR und studierte nach dem Abitur Literatur, Theaterwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in München und Köln. Seit 1974 inszeniert er für Film und Fernsehen. „Die Kulturarbeit war Teil meiner Sozialisation und hat mich geprägt, und das habe ich auch die ganze Zeit im Westen nicht geleugnet oder gar vergessen“, sagt er über sich und seine Kindheit und Jugend in Halle an der Saale.

Helga Storck kam 1943 in Grünberg in Schlesien zur Welt, wuchs in Merseburg auf und ging nach dem Abitur 1961 fort von Mutter und Geschwistern nach Westberlin, weil dort der Vater war und sie seinetwegen auf eine Schauspielausbildung in der DDR verzichten musste. In der BRD war seit 1965 an verschiedenen deutschsprachigen Bühnen engagiert und spielte für Film und Fernsehen. „Ich habe aber nie vergessen, was die Arbeit in den Kulturhäusern für mich und die Menschen in der DDR bedeutet hat“, betont sie heute. „Wenn wir damit bei den ehemaligen Bürgern der DDR Bekanntes wieder wachrufen, nämlich die Atmosphäre jener Zeit, und damit zum Nachdenken über ihre eigene Geschichte anregen, wenn die Bürger der alten Bundesrepublik sagen, so etwas haben sie über den Osten noch nie gesehen und damit Verständnis für die Lebensverhältnisse und Achtung für die Leistung der anderen aufbringen können, dann haben wir unser Ziel erreicht“.

Nur keines von Wert für diese Gesellschaft. „Dem ‚X 50‘ droht der Abriss“, überschreibt die Mitteldeutsche Zeitung Anfang März einen Beitrag zum „Haus der Freundschaft“. ‚X 50‘ ist der kartografische Code des Gebäudes in einem Koordinatensystem, in dem Begriffe so leicht gelöscht werden können, wie die Individualität mit einer Personalnummer.

„Als die Treuhand nach der Wende den Chemiekomplex sanierte und später an den amerikanischen Konzern Dow Chemical übergab, gehörte das X 50 nicht dazu. Nach Jahren des Leerstandes wollte der hallesche Unternehmer Martin Niemöller aus dem Klubhaus eine Event-Arena machen. Das Land Sachsen-Anhalt sicherte 9,5 Millionen Euro Fördermittel zu und zahlte die Hälfte der Summe an Niemöller aus. Auch die Sparkasse gab einen Millionenkredit. Die Arbeiten im X 50 begannen, fanden 2004 aber ein jähes Ende. So strich das Land seine finanzielle Unterstützung und verlangte die Fördermittel zurück. Es warf Niemöller Täuschung vor. Statt eines multikulturellen Zentrums plane er nur eine Großdisco. Diese Investition wolle man aber nicht fördern. Außerdem war Niemöller in den Fokus der Ermittler geraten. Der Unternehmer meldete Insolvenz an und musste wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung ins Gefängnis.“

Anstatt mich an einer Demo oder einem Meeting zu beteiligen, wo aus Not geborene kleinste gemeinsame Nenner lautstark und wirkungslos bekundet werden, suchte ich am 1. Mai das legendäre Klubhaus auf.

Überrascht bin ich von seinem Anblick nicht. Der Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung ließ eine Ruine vermuten. Als Peinlichkeit für ein wohlhabendes Land ragt sie aus einem öden Umfeld. Oder, suggestiv fast, als ein Angebot: Entferne mich!

Ein Investor aus dem Raum Leipzig will das Gelände an der Bundesstraße 91 angeblich kaufen und einen Gewerbepark errichten. Auch von einer Solaranlage ist die Rede. Die Saalesparkasse, Hauptgläubigerin des Kulturhauses, führt angeblich Verhandlungen. „Ich bedauere die Entwicklung, glaube aber nicht an eine Rettung für das Klubhaus“, sagt Schkopaus Bürgermeister.

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