„Haus der Wannsee-Konferenz“ heißt heute die luxuriöse Villa des Pharmafabrikanten Ernst Marlier, vor dessen Mixturen im Jahr 1907 das Berliner Polizeipräsidium warnte, weil sie „nicht diejenigen Eigenschaften besitzen, die ihnen in den Anpreisungen zugeschrieben werden“. Dessen ungeachtet verhalf die reichsdeutsche Kundschaft dem Quacksalber zu einem 30 000 Quadratmeter großen Grundstück am Berliner Wannseeufer. Fortgesetzter krimineller Machenschaften überführt und verurteilt, sah er sich allerdings gezwungen, das Anwesen wieder zu veräußern.
1921 erwarb es Friedrich Minoux, Generaldirektor im Hugo-Stinnes-Konzern, für 2,3 Millionen Reichsmark. Mit Kohle, Petroleum und Elektrizität schaffte er sich ein eigenes Firmenimperium und finanzierte als einer der ersten Großindustriellen die Nazis. Die NSDAP revanchierte sich mit seiner Berufung in die „Akademie für Deutsches Recht“. Ein gegen ihn anhängiges Strafverfahren wegen Bilanzfälschung wurde eingestellt. 1940 wurde er wegen schweren Betruges zu fünf Jahren Haft und einer hohen Geldstrafe verurteilt.
Aus dem Gefängnis heraus verkaufte er das Wannsee-Grundstück für 1,95 Millionen Reichsmark an die vom Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich ins Leben gerufene „Stiftung Nordhav“. Heydrich ließ die Villa zum Gästehaus für Polizei und Sicherheitsdienst herrichten und lud im Januar 1942 hochrangige Vertreter von SS, NSDAP und verschiedenen Reichsministerien ein, um die „Endlösung der Judenfrage in Europa“ zu besprechen.
Bis heute verkürzen wir die Ursachen für diesen planvollen Völkermord gern auf die deutschen Nationalsozialisten. Indessen hat Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung von Ethnien, speziell der Juden, eine lange Tradition. Aristoteles gliederte die Menschheit in Griechen und Barbaren, ein später von den Römern übernommener Sammelbegriff für charakterliche, kulturelle und ökonomische Unterlegenheit. Die Christen klassifizierten die Menschen mit ihrem Aufstieg zur Staatsreligion nach Christen, Juden, Heiden, Häretikern und Muslimen.
Mit dem europäischen Kolonialismus und dem transatlantischen Sklavenhandel im 15. und 16. Jahrhundert etablierte sich der Begriff der Rasse. Immanuel Kant stufte nach Bildungsfähigkeit ab. Weiße Europäer setzte er an die Spitze, denn, so schrieb er 1775, „in den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der ‚race‘ der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff der Rasse dem der Nation angenähert. Anfang des 20. Jahrhunderts rückte die Eugenik ins Zentrum der Rassentheorie. In seiner politisch-ideologischen Programmschrift „Mein Kampf“ leitet Adolf Hitler aus der Lehre über die Verbesserung des menschlichen Erbgutes seine Vision eines notwendigen globalen Rassenkampfes zur Rettung der Menschheit her. „Die pazifistisch-humane Idee“ hielt er für „vielleicht ganz gut“, aber erst, „wenn der höchststehende Mensch sich vorher die Welt in einem Umfange erobert und unterworfen hat, der ihn zum alleinigen Herrn dieser Erde macht“.
„Also erst Kampf und dann vielleicht Pazifismus“, schlussfolgert er. „Im anderen Falle hat die Menschheit den Höhepunkt ihrer Entwicklung überschritten, und das Ende ist nicht die Herrschaft irgendeiner ethischen Idee, sondern Barbarei und in der Folge Chaos. […] Alles, was wir heute auf dieser Erde bewundern – Wissenschaft und Kunst, Technik und Erfindungen – ist nur das schöpferische Produkt weniger Völker und vielleicht ursprünglich einer Rasse. Von ihnen hängt auch der Bestand dieser ganzen Kultur ab. Gehen sie zugrunde, so sinkt mit ihnen die Schönheit dieser Erde ins Grab“.