Im Prager Stadtteil Žižkov gibt es zwei jüdische Friedhöfe. Von dem großen neuen Friedhof, der 1890 gegründet wurde, belegt der jüdische Teil nur einen kleinen Bereich. Dort ist eine Gedenkstätte für die Holocaust-Opfer und auch das Grab von Franz Kafka. Davor gab es im selben Stadtteil einen jüdischen Friedhof, den ich zufällig beim steilen Abwärtsblick vom Fernsehturm entdecke.
Vormals weitaus größer, wurde er in den 1950er Jahren zu einer Parkanlage umgestaltet und mit dem Namen von Gustav Mahler benannt. Der Fernsehturm wurde 1992 eröffnet. Der alte Friedhof entstand in Gänze im Jahr 1680 und diente vor allem während zweier Pestepidemien 1679 bis 1680 und 1713 bis 1714 als Begräbnisstätte, später erst wieder, als Kaiser Joseph II. im Jahr 1787 Bestattungen in der Innenstadt untersagte. Von da an durfte der heute touristisch überlaufene jüdische Friedhof in der Altstadt nicht mehr genutzt werden.
Der noch vorhandene Teil des alten jüdischen Friedhofs in Žižkov ist nach einer Sanierung seit 2001 öffentlich zugänglich. Kein Mensch ist hier, als ich eintrete. Kinderstimmen vom Spielplatz eines anliegenden Kindergartens her erfüllen die Stille, anstatt sie zu stören und sorgen für eine wohltuende Lebendigkeit. Mit ihr fühlt mein Gang im sonnigen Spätherbst sich wie das Flanieren durch einen Erholungspark an. Auf einem freien Stück Gras sammle ich ein paar von einer Kastanie reichlich abgeworfene Früchte. Sieben sind es, wie ich erst später, zurück in meiner Kajüte auf dem Schiffshotel „Königstein“, zählen werde.

