„Lehrlinge fehlen händeringend“, erzählte soeben ein Rundfunkjournalist, und nicht nur die, sondern auch Lehrende, medizinisches Personal, Pflegekräfte und so weiter und so weiter. Das Wort „Fachkräftemangel“ ist in aller Munde. Nein, in meinem nicht, denn tatsächlich Mangelhaftes sehe ich woanders.
Fachkräfte fehlen so, wie den Kirchen steuerzahlende Gutgläubige fehlen und den Parteien Mitglieder und Wählerstimmen. Anders gesagt sind genau die Arbeitskräfte, Parteimitglieder und Wählende da, die der gewaltengeteilte Staat mit Legislative, Exekutive und Judikative, mit Politik und Wirtschaft, mit Betriebsystemen und Behördenapparaten entwickelt hat, absichtsvoll und in freiheitlich-demokratischer Mittelmäßigkeit. Wenn darin Leute oder Dinge fehlen sollten, ist das doch nicht plötzlich so, sondern wurde in Jahren und Legislaturperioden genau dahin entwickelt. Oder arbeitet man in Führungsebenen und Chefetagen mit dem Weltbild einer Eintagsfliege?
Der gleiche Radiosender berichtet von einem Mangel an Muscheln in der Ägäis. Dadurch würden viele griechische Familien schon nächstes Jahr ihre Existenzgrundlage verlieren. Untersuche ich über den Moment hinaus die Zusammenhänge und Hintergründe, erkenne ich recht deutlich ein Naturgeschehen, in das lange schon von vielen Menschenhänden sehr absichtlich eingegriffen wird. Dass als Folge davon nach einer gewissen Zeit in einer bestimmten Gegend Muscheln Schwierigkeiten mit ihrem Fortbestand haben, hätte Jahrzehnte lang niemand vorhergesehen? Wäre es so, wäre das ein tatsächlicher Mangel.
Andererseits: Wer kann denn mit dem Unvermögen dieser Kreaturen rechnen, sich an die Veränderungen in ihrer Umwelt anzupassen? Sollen wir deswegen auf unser Wachstum und unsere Beschleunigung verzichten?
Mathematisch gesehen leben wir in einer dynamischen Gleichung. Auf Deutschland bezogen befinden sich auf einer Seite 83 Millionen Menschen und auf der anderen die Ressorcen, die zur Verfügung stehen, um sich ihr Leben einzurichten. Je länger es gelingt, diese Gleichung zu erhalten, je größer ist Chance auf ein ganz gutes Leben. Weil wir aber Menschen sind, wollen wir, wenn schon mal ein Wille da ist, mehr. Mehr sein und mehr haben wollen wir. Das macht die Gleichung ungleich. Können wir das korrigieren? Wie es aussieht, können wir es nicht, in Deutschland nicht und nicht in der Ägäis, und das Bleiben hier und überhaupt wird zur absehbaren Frist.