„Ausblick am Rand des Abgrunds“ überschreibt das Onlinemagazin Manova ein Gespräch des Publizisten Walter van Rossum mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot. „Neue Perspektiven und lebendige Debatten“ will der vom medialen Mainstream entfernte van Rossum kreieren und „auf Vielfalt statt auf Machtkonzentration, auf Kooperation statt auf Konkurrenz“ setzen.
Woher nimmt er den Abgrund, in den wir nicht mehr stürzen können, seit die Erde keine Scheibe mehr ist? Sicherer leben wir deswegen nicht. Wieso finden wir immer noch keinen Weg, unsere Wünsche und Begehrlichkeiten zu zügeln, in Einklang mit der Welt zu bringen, die anders funktioniert, nicht willentlich und wunschgemäß. Ihre Antriebe und unsere Neigungen entstehen erst im Geschehen, im weiten Feld von Möglichkeiten, aus Wechselwirkungen hervorgebracht.
Spricht das nicht gegen die Mobilisierung von Willenskräften? Ich denke, mein Leben hängt eher davon ab, wie nahe meine Einbildungen der Wirklichkeit kommen und nicht, wie gut ich ein Geschehen kontrollieren kann. Warum will ich es nicht geschehen lassen und sehen, was kommt und dann weitersehen? Es ist kein Abgrund ist nötig, dass vieles aus großen Ideen Erwachsene wieder verschwindet.
Das schaffen ganz allein schon die berühmten zwei Seelen in der Menschenbrust. Goethe hat sie sicher nicht zufällig seinem Faust in die Brust gesteckt und nicht in der Annahme, das werde schon gutgehen irgendwie. Heute sind die Körperkundler dem Bauchgehirn und dem menschlichen Mikrobiom auf der Spur. Beide sind verdächtig, uns am Gehirn vorbei zu leiten, vorbei an bipolaren Spannungsfeldern zwischen menschlich und göttlich, diesseits und jenseits, männlich und weiblich, vormals und künftig. Das so genannte Große Ganze ist etwas mehr als richtig oder falsch. Es ist ein weites und ein ‚zeites‘ Feld.
Friedrich Hegel hat die Dialektik als Erkenntnismethode entdeckt, doch war erst Alexander von Humboldt in der Lage, sie im Naturereignis zu verspüren, was ihm damals, das ist fast vergessen, bein der Mehrzahl seiner Wissenschaftskollegen eher unbeliebt gemacht hat. Und bei uns, 200 Jahre später? Wir nageln weiter Möglichkeiten an Kreuze, verbrauchen Ressourcen und suchen nach Antiteilchen. Hoch hinaus wie eh und je wollen wir und fallen uns vor die Füße. Auf den Boden der Tatsachen, der den leichten Ausweg weiterhin verweigert: einen Abgrund.