„documenta fifteen“ 3

STILLE KRÄFTE

In der Regierungszeit des Landgrafen Karl von Hessen entstand um 1700 in der Karlsaue ein Barockgarten mit Wasserbassins und fächerförmig angelegten Kanälen. Ende des 18. Jahrhunderts wurde daraus ein Landschaftsgarten im englischen Stil. Es blieben die barocken Sicht‐ und Bedeutungsachsen, an denen sich bis heute die Parkwandler erfreuen.

Hinter der Orangerie, dereinst hochherrschaftliche Sommerresidenz, präsentiert das ostafrikanische Kollektiv The Nest auf verdörrter Wiese die Multimedia-Installation „Return to Sender“. Ein Quader mit Wänden aus Altkleiderballen, einer lichtdichten Decke und einem Bretterfußboden ist die architektonische Intervention zum Thema Importmüll. Das Kollektiv „erkundet die Zusammenhänge zwischen Urbanität und Schwarzem Bewusstsein“ und beschämt meinen Blick auf die Abwertung des großen Kontinents durch den globalen Norden.

Wie einem Schulkind wird mir beigebracht, dass Afrikaner:innen einen mir ähnlichen Sinn für Geschmack und Qualität haben. Wie tief steckt der Rassismus in mir? Wie manipuliert muss ich sein, mir einzubilden, mit dem Transfer meiner abgelegten Klamotten den Menschen globalen Süden etwas Gutes zu tun.

Das Projekt „Zurück zum Absender“ hat all den Krempel, in dem Klamotten noch das Harmloseste sind, wieder dorthin geschafft, wo er entstanden ist. Bei mir. Durch mich. Im Innern des Mülltempels zeigt ein Video „aus der Sicht verschiedener Beteiligter und Blickwinkel“  makroökonomische Entscheidungen des globalen Nordens, aus denen das tagtägliche Desaster in den überfüllten Metropolen Afrikas folgt. „Man blickt durch die Augen der Trauer, wenn man die absichtliche Zerstörung ehrgeiziger afrikanischer Herstellerkulturen und das Sterben afrikanischer Träume betrachtet – all dies, damit der Handel mit Second-hand-Kleidung floriert.“

Eine andere Perspektive erschließt der „Komposthaufen“ der argentinischen Gruppe La Intermundial Holobiente. Die bildende Künstlerin Claudia Fontes, die Philosophin Paula Fleisner und der Schriftsteller Pablo Martín Ruiz öffnen meinen Blick auf ein nicht-extraktivisches Wirtschaften, bei dem wildlebende Pflanzen und Tiere der Natur so entnommen werden, dass ihr komplexer Zusammenhang erhalten bleibt.

Dafür verwendet die Gruppe den 1991 von der US-amerikanischen Biologin Lynn Margulis eingeführten Begriff „Holobient“ für „kollektive und mehr-als-menschliche Wesenheiten“ und „reale und imaginäre sowie nicht-binäre Bündnisse“. Tief im Süden der Karlsaue ist dafür ein Habitat errichtet, das von „The Book of the Ten Thousand Things“ inspiriert ist.

Das von 14 Künstlern und Schriftstellerinnen verfasste „Buch der zehntausend Dinge“ bezieht sich seinerseits auf den 1955 erschienenen Roman „Die zehntausend Dinge“ der niederländischen Schriftstellerin Maria Dermoût. Darin geht es um einen Wandteppich mit einer Familiengeschichte auf einer der indonesischen Molukken-Inseln, wo „hundert mal hundert Dinge, nebeneinander, lose, einander berührend, hier und da ineinander übergehend – ohne jede feste Verbindung und gleichzeitig für immer miteinander“ zur Substanz des Lebens „verflochten sind“, ein Zustand, dem auch der indische Schriftsteller Amitav Ghosh in seinem 2020 erschienenen Roman „Der Fluch der Muskatnuss“ nachgeht.

Maria Dermoût, 1888 auf Java geboren, lebte als Erwachsene eine Zeit lang in der indonesischen Provinz Maluku, der Heimat der über 50jährige Felicias, die Protagonistin ihres Romans. Als „letzter Spross einer alten Familie holländischer Plantagenbesitzer“ hat sie sich auf einer Insel mit zehntausend Dingen und ihren Geschichten einen Ort erschaffen, wo  ihr einmal im Monat der Geist ihres Sohnes erscheint, „ein Kolonialsoldat, der auf einer Nachbarinsel umgebracht worden ist“.

Weit und lange entfernt von ihren europäischen Vorfahren, taumelt sie mitten in „stillen Kräften“ dahin, die „am Ende einer jahrhundertealten Epoche des Kolonialismus“ tiefer in sie eindringen, als jedes vernunftbasierte Wissen.

„Ein Großteil der Menschen, wenn nicht der allergrößte Teil“, schreibt Ghosh, „lebt heute wie die Kolonisatoren von einst. Sie betrachten die Erde, als sei sie eine leblose Entität, die in erster Linie dazu da ist, mittels Technik und Wissenschaft ausgebeutet zu werden und Profit aus ihr zu schlagen.“ Doch kommen die „stillen und verborgenen Kräfte“ immer deutlicher „in Klimaereignissen von nie da gewesener und unheimlicher Gewalt“ zutage und Stimmen gewinnen an Resonanz, „die angesichts gnadenloser apokalyptischer Gewalt darauf beharren, dass Nichtmenschen sprechen können, es tun und tun müssen.“

Um das „Buch der zehntausend Dinge“ herum erweitert ein FreiRaum für Bilder und Aktionen die Idee von ‚lumbung‘ zu einer schönen Vision, mit der ich weiter zum Gewächshaus wandere.

Dort hat die Organisation der Künstler:innen Más Arte Más Acción, kurz MAMA, eine Klanglandschaft um von Borkenkäfern befallene Baumstämme aus der Umgebung von Kassel eingerichtet. Aus solchen Stämmen gefertigte Holzhocker hat sie über Park und Stadt zu kleinen Orten der Besinnung gruppiert, die auf „Choco Base“ hinweisen. So heißt ein Holzhaus in der Nähe von Nuquí, eine Gemeinde im tropischen Regenwald von Kolumbien, wo das Kollektiv seit zehn Jahren arbeitet.

Im kolumbianischen Pazifik gibt es den Mangrovenbaum und das Mangrovenuniversum. Der Mangrovenbaum wächst im Brackwasser, das den Ozean mit dem Land verbindet. Das Mangrovenuniversum ist der Wald als komplexes Ökosystem aus Bäumen, Fauna und Wasser, das sich selbst erhält, wenn Menschen es nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Das aber geschieht jetzt, in einer Region, die von Scharmützeln, Drogenhandel, Ausgrenzung, Ausbeutung und Armut gezeichnet ist.

MAMA, weltweit vernetzt, organisiert in diesem Umfeld Projekte mit Indigenen und afroamerikanischen Gruppen, um kulturelle Traditionen zu erhalten. Diese Arbeit hat die Gruppe über Jahre dokumentiert und archiviert und zeigt sie neben der Orangerie in einem „MAMA Doc Space“.

TARING PADI

Bis in das Jahr 1998 war Indonesien eine von den USA gestützte Militärdiktatur. Auf dem Höhepunkt von Volksprotesten, die zu einem Übergang des Landes in demokratische Strukturen führten, studierte die Mehrzahl der Gründungsmitglieder von Taring Padi an der Kunstakademie in Yogyakarta. „Taring Padi, das ist ein kleines Haar an der Spitze ungeschälter Reiskörner“, erklärt Sri Maryanto, ein Mitglied der Gruppe, ihren Namen. „Wird die Ähre geerntet, löst sich dieses kleine Haar und fliegt davon. Berührt es die Haut, juckt es ähnlich wie bei Juckpulver. Das ist die Philosophie von Taring Padi. So klein wir sind, wir reizen die Haut der großen Mächte, die wir kritisieren.“

Taring Padi solidarisiert sich mit all denen, die soziale oder wirtschaftliche Ungerechtigkeit erfahren. “Wir thematisieren Umweltprobleme und ihre Zusammenhänge mit Wirtschaft und Technologie. Wir haben auch keine Scheu, einzelne Unternehmen anzugreifen. Im Idealfall kommt es zu einem Dialog, der diese Probleme löst.“ Die Intention der Gruppe ist, ein gemeinsames Bewusstsein für Gerechtigkeit, Freundschaft und Solidarität zu entwickeln. „Kunst ist für uns ein politisches Werkzeug, um unsere Idee gegen Ausbeutung und Gewalt darzustellen. Befreiungskunst.“

Anfangs lebten und arbeiteten die Mitglieder in Yogyakarta, inzwischen in Australien, Amerika, England, Schweden. „Ich habe Freie Kunst im Fach Malerei und Grafik studiert“, sagt Sri Maryanto. „Letzten Februar habe ich mein Studium an der Akademie der Bildenden Künste München abgeschlossen. Glücklicherweise gibt es heutzutage Technologien, die das Problem der Kommunikation über große Entfernungen lösen.“

Wie geschieht das? „Wir diskutieren zunächst ein Thema. Oft werden dazu Experten eingeladen. Danach werden Aufgaben verteilt. Einige entwickeln die Komposition eines Werkes. Dann wird es auf Leinwand, Hardboard et cetera skizziert, dann gemeinsam gemalt. Oft kommt es zu Improvisationen, aber die zu Beginn entwickelte Komposition bleibt erhalten.“ Erstaunlich ist, dass dieser Vorgang nicht mit dem Verlust von Selbstverständnis und Selbstbewusstsein einhergeht, sondern beides zu entwickeln scheint.

Das Motto der Gruppe für die documenta fifteen heißt „Flammen der Solidarität“. Satirisch pointiert vermitteln die Künstler:innen ihr Koordinatensystem mit den drei Hauptachsen Organisation, Bildung und Agitation. Ausgangspunkt ihrer Intervention ist das Hallenbad Ost, eine 1929 im Bauhausstil errichtete Badeanstalt an der Schnittstelle zwischen Kassels Stadtzentrum und dem industriell geprägten Stadtteil Bettenhausen. Das Hübner-Areal ist gar nicht weit.

Über dem Eingang hängt ein Banner „Brennender Hunger wird zum Hammer“. Ausreichend essen können wird als Menschenrecht deklariert. Jean Ziegler wird es freuen.

Innen verwirren, sortieren, verknüpfen an Wänden, im Becken und auf der Galerie über 100 Werke der Gruppe und unterbinden jeden Anflug von Gleichgültigkeit. Fluchtwege und Notausgänge sind markiert. Ausgeschlossen sind sie nicht. Anders als in Wirklichkeit, das weiß diese kreative Gemeinschaft.

 

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