Die meisten nationalen Präsentationen gehen auf das aktuelle Befinden von Individuen und Gesellschaft ein. Darüber hinaus werden Veränderungen thematisiert, die schon im Gange oder er erwarten sind. Dass nichts bleiben kann, wie es ist, scheint für viele Kreative globaler Konsens zu sein.
In der Vielfalt der realen und virtuellen Kunsträume und -werke entdecke ich Ähnlichkeiten. Zu zeigen, was ist, reicht nicht mehr aus. Mit dem Aufgeworfenen und Durchgedachten entsteht offensichtlich der Wunsch, untereinander und mit den Empfängern der Botschaften mehr und intensiver als bisher zu kommunizieren. Das unterscheidet sie von den herrschenden hierarchischen Strukturen, in denen nach wie vor Erhaslt und Ausdehnung von Macht das Denken und Handeln bestimmen. Zwei Beiträge von zwei Künstlern sind für mich besonders.
Im belgischen Pavillon bringt Dirk Braeckman (geb. 1958) mit großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien dan Raum zu einer Ruhe, die kein Stillstand ist. Bewegung wird nicht absorbiert oder aufgehalten, sondern von einer Schwingung durchdrungen, die der Physiker „gedämpft harmonisch“ nennt.
Sie strahlt als Dunkelheit, die keine Finsternis ist, von den Bildflächen her und breitet sich als Einklang aus, der mich beruhigt, ohne zu ermüden und meine Sinne schärft.
Die Fotografien sind präzise Inszenierungen, in denen der Künstler ausgesuchte Körper und Muster arrangiert. Betörend sicher und sanft verwebt er die Vordergründe mit den Hintergründen zu Lanschaften aus Körpern und Textilem, die zur Berührung reizen und auf Distanzen achten. Ein silbern schimmerndes Schwarz verwandelt das vielfältige Dunkel in Stille.
Im „Hamburger Bahnhof“ in Berlin habe ich vor einem Jahr die multimediale Performance „Angst II“ von Anne Imhof (geb. 1978) erlebt. Es war die Fortsetzung einer in Basel begonnenen Inszenierung mit Tänzern und Tieren, Schall und Rauch, die sie ‚Oper‘ nannte. Den ehemaligen Bahnhof, jetzt „Nationalgalerie der Gegenwart“, füllte sie mit jungen, schönen, androgynen Menschen, die sich in einer Mischung aus Choreographie und Improvisation bewegten. Es war faszinierend, nur Angst hatte ich keine.
In Venedig muss ich mich für ihre Arbeit „Faust“, die mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag geehrt wurde, in eine eindreiviertelstündige Schlange reihen. Genug Zeit, die auf Recycling-Papier gedruckte Pressemitteilung über das zu lesen, was mich erwartet Anne Imhof bezeichnet sich als Malerin, nur malt sie nicht mit Pinsel und Farben, sondern mit Menschen, Tieren, Objekten, Flüssigkeiten, Musik, Texten, Bildern. So entsteht eine „Konstruktion von Macht und Ohnmacht, Willkür und Gewalt, Widerstand und Freiheit“ in einem Territorium, das Raum oder Haus oder Pavillon oder Staat sein kann.
„Die vermeintliche Umarmung erstarrt im stillen Kampf der Kräfte. […] Die Körper der Performer sind auf das nackte Leben reduziert. […] Lust entsteht nicht im sexuellen Akt, sondern im Akt des Sehens und Gesehenwerdens.“ Es gehe ihr um die Auflösung der „Grenze zwischen kapitalisiertem Subjekt und kapitalisiertem Objekt“. Es geht ihr um die „Zombisierung des kapitalisierten Körpers“, der ein Material für sie ist, aus dem ein neues Subjekt hervortritt, dressiert und fragil, medial und hoch vernetzt. „Die Schönheit der Körper, die wir sehen und als selbstoptimiert annehmen, ist durch Werbe- und Warenbildökonomie, der wir immer ausgesetzt sind, konditioniert. Sie liegt nicht im Auge der Betrachtenden, sondern in der Perfektionierung der Verwertungszusammenhänge, der Algorithmen.“
Der Unterschied zu anderen Künsterinnen und Künstlern ist, dass Anne Imhof Wirklichkeit nicht um- und aufarbeitet. Auf ihre Weise ‚malend‘ übt sie den Umgang mit Situationen, in die wir erst noch kommen, systemisch kommen, bis wir uns auflösen, bis nichts mehr von uns übrig ist, weil wieder eingegangen in das Große Ganze, um auszubalancieren, wofür sich Natur Milliarden Jahre oder auch nur einen genialen Augenblick lang ins Zeug gelegt hat. „In einer Gesellschaft, in der die Schuldfrage keine religiöse, sondern eine der individuellen Eigenverantwortung, in der Krankheit keine Gottesstrafe, sondern selbstverschuldet ist, wird der Körper zum Kapital und Geld zum einzigen Parameter. Ähnlich wie in Goethes ‚Faust‘ wollen wir etwas verkaufen, das es gar nicht gibt. Die Seele gibt es hier nicht, die Waren der Finanzwirtschaft gibt es nicht, und doch, oder gerade deshalb funktioniert das System.“
Was mich ablenkt, während es mich zu diesen Gedanken bringt, ist nicht zuletzt die handwerklichen Qualität, mit der sie ausgeformt sind: die eingefügten Glasböden und Glaswände, die die Proportionen und Perspektiven im Pavillon verändern, wie die gläsernen Podeste und Käfige außen. Hinzu kommen die Aktionen der Performenden, von winzigen Gesten bis zu ausladenden Bewegungen. Es ist Perfektion in jedem Detail, die mit dem Hinsehen und Hinhören das Ganze erst erfassbar macht, das ‚Ausgemalte‘, mit dem mir Hören und Sehen nicht vergeht, sondern zum neuen Erlebnis wird. Scheinbar ist meine Beweglichkeit eingeschränkt, doch neue Gedanken keimen auf. Ich bin, heißt in diesem Zwinger, ich bin inmitten.
„Allein im Zusammenschluss als Gruppe von Körpern und in der Besetzung von Raum kann sich Widerstand formieren.“ Ist das die ‚gute alte‘ internationale Solidarität? Auf Balustraden und Zäunen, im Untergrund und auf dem Dach, erobern und besetzen die Performenden den Raum, das Haus, den Pavillon, den Staat. Sich zuliebe? Mir zuliebe? Ich denke an Jean Ziegler und seine Empfehlung zur „subversiven Integration“ als Überlebensstrategie.
Nachgang
Nach zwei Tagen GIARDINI und ARSENALE zieht es mich in den Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande mit der „Peggy Guggenheim Collection“. Für ein Update?
1948 wurde die damals fünfzigjährige Tochter eines gut betuchten New Yorker Geschäftsmannes eingeladen, ihre mit viel Kunstgefühl für heute unvorstellbar wenig Geld erworbene hochwertige Sammlung moderner Kunst auf der Biennale auszustellen. Sie kam und blieb in der Stadt, in der sie den noch im gleichen Jahr erworbenen Palazzo bis an ihr Lebensende mit ihren Bildern bewohnte. So fühlen sich die Räume und der bezaubernde Garten auch heute noch an: wie ein gediegenes Zuhause.
Wie Zuhause sehen sich auch ihre Bilder an, die beides kennen: Repräsentation und Geborgenheit. Liegt das am Unterschied zur heutigen Kunst, die keine Ruhe mehr hat, für das Heranreifen nicht und nicht für das Entfalten. Ausgeliefert wirkt sie auf mich, hervorgetrieben, ausgerissen, eingefangen, abgehetzt und währenddessen immerfort um ein Bleiberecht kämpfend und angewiesen auf Tauschgeschäfte: Geld gegen Liebe, Lust gegen Frust, Inspiration gegen Konspiration. So bleibt sie. Am Leben?
In Peggy Guggenheims Wohnung ist sie nach wie vor lebendig, sind die Bilder und Objekte ihretwegen und meinetwegen und sich zuliebe da und geben mir gar keine andere Chance, das als Sinn zu akzeptieren, weit und lange über das Sich-gegenüber-sein hinaus …








