Als ich Vierzehn war, bekam ich einen Globus geschenkt. Selten drehte ich ihn. Wollte ich die Erde betrachten, nahm ich wie zuvor Lexika oder Atlanten zur Hand. Dort konnte ich alles gleichzeitig sehen oder im Einzelnen viel genauer. Dass die flächigen Darstellungen die Wirklichkeit verzerrten, war mir nicht klar.
Die in der Kartographie häufig verwendete Projektion der Erdkugel auf einen Zylinder und die anschließende Abwicklung seiner Oberfläche in eine ebene war die Idee von Gerhard Mercator. Im Jahr 1569 veröffentlichte der in Flandern geborene Kosmograph, Theologe und Philosoph die erste Weltkarte. Sein Verfahren sichert Winkeltreue, auf die es bei der Navigation von Schiffen ankam. Gleichzeitig werden bei der Marcator-Projektion Flächen umso größer, je näher sie zur Erdachse liegen.
Das ist im Bereich der gemäßigten Zone der Fall, während die Gebiete in Äquatornähe fast der Größe auf der Kugeloberfläche entsprechen. Für die Europäer als Bewohner der gemäßigten Zone war das eine willkommene Bestätigung des Überlegenheitsgefühls gegenüber dem ‚Rest der Welt‘. Nicht zuletzt daraus leiteten sie einen natürlichen Anspruch auf Vormacht ab.
Erst 1974 stellte der deutsche Historiker Arno Peters diese karthografische Verzerrung zur Diskussion. Alternativ brachte er eine Darstellung ins Spiel, bei der die Erdoberfläche auf einen Zylinder projiziert wird, der die Erde nicht mehr ummantelt, sondern bei 45 Grad geografischer Breite durchdringt. Das hat annähernd flächentreue Abbildungen aller Erdgegenden zur Folge, verfälscht allerdings Längen, Formen und Winkel. Das führte zu einem heftigen Disput unter den Kartographen.
Heute werden für Weltkarten kaum noch rechteckige Grundflächen verwendet. Mollweide-, Eckert-IV-, Hammer-Aitov- und Robinson-Projektionen berücksichtigen die Flächengenauigkeit. Für ein Weltbild, in dem jede Ethnie das gleiche Lebensrecht haben soll, ist das ein wichtiger Aspekt.
Dieser Globus ist im Leipziger „Museum der bildenden Künste“ in der Sonderausstellung „Displacements / Entortungen“ zu sehen. Geschaffen hat ihn die palästinensisch-britische Künstlerin Mona Hatoum, die 1952 im Libanon geboren wurde und heute in Berlin und London lebt. Die Kontinente sind mit grellroten Lichtlinien markiert, die wie glühende Mäander auf einem Gitternetz schlängeln, als wäre der Planet entzündet. Fiebrig wirkt er und in seiner Durchsichtigkeit fragil. Festigkeit und Sicherheit vermittelt er nicht, eher Schutzbedürftigkeit. „Hot Spot III“ nennt Mona Hatoum ihr Gebilde, bei dessen Anblick ich keinen Anhaltspunkt mehr für eine sichere Aussicht mehr finde. Nicht mal auf eine erfolgreiche Flucht. Wie ich sehe, bin ich ja schon weg. Grenzenlos frei.
