57. Biennale Venedig 2

Bedacht, geschick und häufig überzeugend balanciert die Kuratorin die nationalen Auftritte aus und in dem auf wenige Kubikmeter und Momente Komprimierten sowohl die vergnüglichen als auch die erschreckenden Antriebe des MenschenWesens.

Die meisten Bestandsaufnahmen sind einladend. So wird Nationalstolz anschaulich und sogar verträglich und wichtig, wenn er aus seiner Regionalität heraustritt und sich an den Schnittstellen zur Nachbarschaft um Gestaltung bemüht, anstatt sich nur behaupten zu wollen.

Im GIARDINI zeigt im britischen Pavillon Phyllida Barlow (1944-2023) die Ausstellung „folly“. Wuchtige Skulpturen aus Draht, Sperrholz, Schaumstoff und Textilien füllen beharrlich und behutsam die Räume und verbinden sie. An der Außenmauer wecken sie Neugier.

Schrill wirkt der Eingang zum Pavillon der Republik Korea. Mit buntem Neonlicht täuscht die Installation „Venetian Rhapsody“ des Konzeptkünstlers Cody Choi (geb. 1961) ein Spielcasino vor. Innen beschäftigt sich „Counterbalance. The Stone and the Mountain“ mit der Frage, wie Einzelschicksale zur nationalen Historie beitragen. Darin eingebettet ist die Installation „Eigenzeit“ von Lee Wan (geb. 1984) mit 668 personalisierten Uhren, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit laufen, abhängig davon, wieviel Zeit die Personen, von denen ich Alter, Beruf und Lebensland erfahre, arbeiten müssen, um eine Mahlzeit zu verdienen.

Der Österreicher Erwin Wurm (geb. 1954) hat vor seinem Pavillon einen Truck ‚auf die Nase‘ gestellt und das Transportvehicel zum Aussichtsturm umfunktioniert. Innen laden „One Minute Sculptures“ Möbelstücke und ein löchriger Wohnwagen zu einem Hindernislauf durch einen absurden Parcours ein. Für die Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz (geb. 1957) wurde der Pavillon um einen „Light Space“ genannten Anbau erweitert, wo die Wirklichkeit mit Spiegel- und Lichteffekten vervielfacht wird.

Im ARSENALE präsentiert für Neuseeland die Multimedia-Künstlerin Lisa Reihana (geb. 1964) eine imperialistische Panoramatapete. In „Emissaries“ sitzen oder stehen die Besucher in einem vollständig verdunkelten Raum und sehen ein Video mit nachgestellten Szenen nach der Ankunft von James Cook. Neugier, Erstaunen, Gehorsam, Auflehnung, Zuneigung und erste Gewaltakte bilden ihrerseits Inseln an einem Ort, der zunehmend seine Unschuld verliert. Eine Metapher für das, was mit der Erde vor sich geht, seit Menschen sie behausen? Das Video suggeriert das und behält zugleich eine Ausgewogenheit, die verstört und in mir zum unerträglichen Dilemma eskaliert, vor dem ich mich, mitnichten frei, ins Freie rette.

Das tunesische Projekt „Ausweglosigkeit“ erreicht mit wenig Aufwand Nachdenklichkeit. An Zollstationen werden Reisepässe ausgegeben. Ausschlaggebend dafür, wo eingereist werden darf, ist das Herkunftsland. Deutsche dürfen sich über die weltweit größte Akzeptanz freuen. Sie sind in 176 von 218 Ländern willkommen. Gleichzeitig verrät das Dokument, dass aktuell 54 Prozent aller Flüchtlinge aus Syrien, Somalia und Afghanistan sind. Signiert wird das Dokument mit dem Daumenabdruck. Eingestempelt wird: „Wo die Wege fehlen und nur das Menschliche bleibt. gezeichnet Garitta“ (Wachhäuschen).

Ein Häuschen anderer Art hat steht am Rand des Wasserbeckens, als wäre es bereit für einen Stapellauf. „The Play“ nennt ein seit 1967 bestehendes japanisches Künstlerkollektiv sein Experiment. Wie ein Spielzeug will das kleine Haus sich„der dumpfen Homogenität der modernen Kultur“ widersetzen. 1972 ließ die Gruppe „ein kleines Haus entlang der Flüsse Kizu und Yodo vom Mount Kasagi in Richtung Osaka Bay schweben“, eine Wohnung für den „Rückzug aus sozialen Hierarchien und individualistischen Werten des modernen Lebens“.

In der Geografie der Biennale liegt Venezuela zwischen der Schweiz und Russland. Die Bolivarische Republik beteiligt sich mit „Formas Escapándose del Marco“ von Juan Calzadilla (geb. 1930). Objekte verlassen den ihnen zugedachten Platz. Kalligraphische Strukturen bedecken Leinwandbänder, die sich von Wänden lösen und in den Raum eindringen, so wie Worte und Sätze ins Hirn, so wie Kreativität in die Gesellschaft, damit sie ein soziales Wesen wird.

Mit „Morgen ist ein anderer Tag“ breitet sich Mark Bradfort (geb. 1961) im US-amerikanischen Pavillon aus, schwarz als wäre es die schönste Farbe der Welt, schwul, als gäbe es darin nichts Schöneres. Selbst nennt er sich liberal und progressiv. Während Barak Obama regiert, gelangt er ins Weiße Haus, fühlt sich von der Regierung aber nicht vertreten. Was er aus dem Pavillon macht, fühlt sich wie eine Ruine an, eine Vision über Amerika, Malerei, Ästhetik, Identität, Geschichte. Wut lässt in diesem prekären (Regierungs)Palast den Gips wie ordinäre Schminke von den Wänden fallen. Gleich im ersten Raum drängt mich Ekel vor einer hässlichen Decke, die in der Mitte fast den Boden berührt, an die Wand. In der zentralen Rotunde treibt er es auf die Spitze, treibt mich in ein Gebilde zwischen Höhle und Altar, zwischen Natur und Kultur, wo ich nur abwarten kann, was mir geschieht und endlich gehe. Vertrieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert