Im Bois de Boulogne, einst Ausflugsziel der wohlhabenden Pariser, dort wo sich nach der Französischen Revolution die Armen der Stadt ihr Brennholz holten, dort wo 1814 russische und britische Soldaten nach ihrem Sieg gegen Napoleon kampierten und 1854 ein von dem Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann gestalteter Volkspark eröffnet wurde, ist jetzt der Kunsttempel „Fondation Louis Vuitton“ entstanden.
Der 1929 in Toronto geborene dekonstruktivistische Architekt Frank Gehry hat ihn als Luftschloss erdacht und mit Holz, Glas und Metall auf die Erde gestellt. Kaum bin ich darin, löst sich die Zeit ab von mir ab und beginne, unbehindert von den üblichen Leitsystemen, die Exkursion in seine Vielschichtigkeit. Beschriftungen und Markierungen sind offenbar darauf aus, meine instinktive Eigenbewegung zu unterstützen. So entwickelt sich ein aufregendes Wechselspiel von Finden und Verlieren. So spielt dieses Gebäude mit mir, das materialisierte Gewölk, in dem nichts gewiss ist. Zugleich fühle ich mich sicher behaust wie zu Hause.
In dieser Gestimmtheit, Verfasstheit treffe ich, trifft mich die lange bekannte Tänzerin Anita Berber von Otto Dix wie eine vertraute Fremde, läuft mir Alberto Giacomettis schreitender Mann über den Weg, tost Edvard Munchs Schrei wie Sturmwind durchs Hirn, stößt mich Kazimir Malevitchs Vorahnung heftig in den Rücken, betört Claude Monets Orgie aus blauem Seerosenduft, reißt Henri Matisse mich in seinen Tanz, um im Dämmerlicht von Emil Nolde und Piet Mondrian eine Lebenslust zu spüren, in der Pierre Bonnards Sommer meine Sehnsucht in Verlust zerschmilzt.
Im Untergeschoss, von Dunkelheit und Abgrund abgelöst, hat Ólafur Elíasson mit Licht und Reflexen in Glas und Wasser „Inside the horizon“ installiert und Villar Roja auf der Aussichtsterrasse unterm Wolkendach die temporäre Skulptur „Where the slaves live“, ein von Artefakten und Zivilisationsrelikten ummantelter Wassertank, auf dem Pflanzen quellen, als wäre er der Ursprung von allem. Es ist nur eine Frage Zeit, dass ihm die aus einem erdrückenden Gewissen heraus die hier investierten 100 Millionen Euro wieder anheimfallen.

