Elfstedentocht

Bei Griechen und Römern war Demut eine geringgeachtete Haltung der Unterwürfigkeit. Im christlichen Verständnis wurde sie eingedenk der Unvollkommenheit des Menschen im Gegensatz zu seinem vollkommenen Schöpfer zur Tugend. Immanuel Kant definierte sie als „Indikator für die eigentliche Würde des Menschen als eines freiheitlichen Vernunftwesens“. Für Friedrich Nietzsche war sie ein gefährliches Ideal, hinter dem sich Feigheit und Schwäche versteckt. Alexander Dibelius, Manager der Investmentbank Goldman Sachs, rief seine Branche zu kollektiver Demut auf und der Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg entschuldigte sich unter erdrückender Beweislast „in Demut“.

Trance bezeichnet einen außerordentlichen Bewusstseinszustand. In vielen Religionen wird darin eine Möglichkeit gesehen, den spirituelle Kontakt mit Göttern und Geistern herzustellen. In hypnotischer Trance ist der Zugang zum Unterbewusstsein weit geöffnet und die Konzentrationsfähigkeit ganz besonders stark. Manchmal genügt eine über längere Zeit auf unsere Sinne einwirkende Monotonie, um in Trance zu fallen.

Vor diesem Hintergrund wurde ich auf ein Ereignis aufmerksam, das Demut und Trance auf bemerkenswerte Weise miteinander verbindet. Es ist der „Elfstedentocht“, ein legendärer Schlittschuhlauf in den Niederlanden, mit dem sich elf vom Winter in die Abgeschiedenheit gedrängte friesische Städte ihres fortwährenden Zusammenhangs vergewissern. Dafür laufen die Läufer an einem Tag auf zugefrorenen Kanälen und Flüssen 200 Kilometer von Snits über Drylts, Sleat, Starum, Hylpen, Warkum, Boalsert, Harns, Frjentsjer, Dokkum bis Ljouwert.

Die Läufer starten am frühen Morgen und, ähnlich den Städtemarathons, in Gruppen: zuerst die „wedstriidriders“ oder Wettkampfläufer, danach die „toertochtriders“, die Liebhaber. Wer vor Mitternacht das Ziel erreicht, bekommt das „Alvestêdekrús“, eine Medaille in Gestalt eines Malteserkreuzes. Die etwa 16 000 Startplätze werden verlost. Uneingeschränktes Laufrecht besteht bei einer Mitgliedschaft des Vereins „Die friesischen elf Städte“ seit 1986, sowie für die Erstplatzierten der letzten drei Touren.

Was hindert die gnadenlose Event- und Tourismusindustrie daran, diese einzigartige Veranstaltung Elf-Städte-Tour als riesiges internationales Spektakel zu vermarkten? Weil sie von Anfang an unkalkulierbar ist und das wird auch so bleiben, denn die wichtigste Regel ist, dass der Lauf nur in Gänze durchgeführt wird oder gar nicht. Es muss die komplette Strecke lückenlos zugefroren sein und das Eis tragfähig, heißt, mindestens 15 Zentimeter dick.

Seit 1909, als der Lauf zum ersten Mal stattfand, war das bisher nur fünfzehn Mal der Fall, zuletzt im Jahr 1997. 1909 starteten 23 Läufer, von denen sieben das Ziel erreichten, der schnellste in knapp 14 Stunden. 1997 waren 16 738 Läufer am Start. Der erste von insgesamt 11460, kam nach 6 Stunden und 49 Minuten, vorbei an eineinhalb Millionen Zuschauern, ins Ziel.

Im Internet fand ich zwei bis drei Minuten lange Filme von den Läufen in den Jahren 1933, 1942 und 1947. In „Die Hölle von ’63“ verfilmte 1963 der niederländische Regisseur Steven de Jong im Jahr 2009 mit zahlreichen Spezialeffekten die Tour. Damals gingen bei minus 18 Grad und starkem Nordostwind 9862 Läufer auf die Strecke und nur 127 kamen bis nach Ljouwert. Alle anderen brachen vorzeitig ab oder zusammen. „Nach knapp elf Stunden fiel Reinier Paping über die Ziellinie. Der 31-Jährige musste erst mit einer Infrarot-Lampe ‚aufgetaut‘ werden, bevor man ihn als neuen Helden feiern konnte“, berichtet ein Zeitzeuge.

Es heißt, dass viele Läufer im gleichmäßigen Gleiten einen tranceähnlichen Zustand erreichen. Vor allem die Nichtspezialisten dürften erst dadurch in der Lage sein, die enorme Strecke zu bewältigen. Die veränderte Wahrnehmung der Außenwelt scheint sie zu verkürzen und ihren körperlichen Möglichkeiten anzugleichen. Oder aber ihre tatsächlichen Möglichkeiten werden ausgedehnt.

Nun schon 15 Jahre bereitet der Verein „Die friesischen elf Städte“ vergeblich das Ereignis vor und übt sich in Demut und Zuversicht, und jedes Jahr trainieren Abertausende unverdrossen. Nach neuen Prognosen ist es nicht unwahrscheinlich, dass mit dem Klimawandel der Lauf auf absehbare Zeit niemals mehr stattfindet.

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