Einen gesellschaftlichen Diskurs anhand von Gedichten gab es in diesem Land lange nicht mehr. In einer verflachenden Sprache hielt ich ihn sogar für ausgeschlossen, und nun wagte es einer der wenigen noch verbliebenen Wortmeister, zwei Gedichte am obrigkeitsbeflissenen Mainstream vorbei ins Tagesgeschehen zu lancieren. Was für eine Überraschung!
Anfang April veröffentlichte Günter Grass in der „Süddeutschen Zeitung“ das Gedicht „Was gesagt werden muss“. Darin nimmt er Israel als Friedensgefahr wahr und gibt zu bedenken, wie aus historischer Schuld gewachsenes Schweigen zu neuem Verschweigen führt und schließlich zu neuer Schuld.
Der vermeintlich ruheständige Schriftsteller und Dichter verweigerte sich der Staatsräson und warnte vor fortgesetzter atomarer Rüstung und einer konkreten deutschen U-Boot-Lieferung an Israel, mit der nur die Illusion von Frieden durch Abschreckung erhalten wird.
Grass fragt:
„Warum schweige ich, verschweige zu lange, / was offensichtlich ist und in Planspielen / geübt wurde, an deren Ende als Überlebende / wir allenfalls Fußnoten sind. //“
Fragt weiter:
„Warum sage ich jetzt erst, 7 gealtert und mit letzter Tinte: / Die Atommacht Israel gefährdet / den ohnehin brüchigen Weltfrieden? //“
Antwortet:
„Weil gesagt werden muss, / was schon morgen zu spät sein könnte; / auch weil wir – als Deutsche belastet genug – / Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, / das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld / durch keine der üblichen Ausreden / zu tilgen wäre. //“
Und zieht sein Fazit:
„Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, / mehr noch, allen Menschen, die in dieser / vom Wahn okkupierten Region / dicht bei dicht verfeindet leben / und letztlich auch uns zu helfen. //“
Das ist unmissverständlich. Groß ist der mediale Aufschrei. Israels Machthaber erklären Grass zur unerwünschten Person. Keine Woche später ist keine Rede mehr davon, ohne weiteren Diskurs.
Doch der Nobelpreisträger versuchte es noch einmal. Beschrieb er in „Was gesagt werden muss“ die Fatalität strategischen Stillhaltenns in einer Konfliktlage, griff er Ende Mai mit dem Gedicht „Europas Schande“, wiederum in der „Süddeutschen Zeitung“, die gegenwärtige Griechenland-Politik der EU auf und an:
Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht, bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh. / Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt, wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert. / Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land, dem Dank zu schulden Dir Redensart war. //“
Grass klagt für ein Volk, nicht an, das auslöffeln soll, was andere eingebrockt haben. Nichts Neues in der Geschichte Europas. Das Gedicht endet mit einer Mahnung, die wir ernst nehmen dürfen:
„Geistlos verkümmern wirst du ohne das Land, dessen Geist dich, Europa, erdachte.“
Diesmal reichen drei Tage, die Worte mit dem Mantel des Schweigens zuzudecken. So weit, so schlecht.