gescheit, gescheiter, gescheitert

Wieder und wieder bin ich im Leben gescheitert: auf Kindesbeinen, in Klassenzimmern und Hörsälen, an meiner Phantasie, mit meinen Erwartungen, in Beziehungen, auf ganzer Linie. Ich schob es dem Zufall in die Schuhe und wenn er sich weigerte, der Notwendigkeit. Irgendwann fing ich an, mich im Scheitern einzurichten. Bis ich im Wort ‚gescheitert‘ das Wort ‚gescheit‘ entdeckte.

Was für ein Desaster!

Das Partizip ‚gescheitert‘ geht auf das althochdeutsche ‚scheiden‘ zurück und bedeutet bis heute ‚gespalten‘, ‚getrennt‘. Das Substantiv ‚Scheit‘ mit den Pluralen ‚Scheite‘ und ‚Gescheit‘ benennt gespaltenes Holz. ‚Zerscheitern‘ im Sinne von ‚in Stücke gehen‘ kam im 17. Jahrhundert in die Sprache. Schiffe zerscheiterten, wenn sie an Klippen zerschellten. Hingegen wurde das mittelhochdeutsche ‚schīden‘ zu ‚gescheit‘ und meint die Fähigkeit, unterscheiden oder deuten oder Entscheidungen treffen zu können.

Was für eine Chance!

Der Künstler Anselm Kiefer sagt: „Das Sein ist ein absoluter Bestandteil des Nichts. Oder man kann auch sagen, das Nichts ist Bestandteil des Seins. Da gibt es immer eine Gleichzeitigkeit, keine Chronologie. Das ist aber tröstlich, denn wenn man was anfängt, was Großes vorhat, weiß man gleich, dass das Scheitern schon darin enthalten ist.“

Sich die Welt mit Erscheinungen wie Helligkeit und Finsternis, Hitze und Kälte, Fülle und Leere als ein bipolares Knäuel vorzustellen und mit antonymen Adjektiven wie stark und schwach, richtig und falsch oder gut und schlecht zu behaften, erweist sich als keine sehr kluge Idee, wenn ich wesentlichen Zusammenhängen im Großen Ganzen auf die Spur kommen will. Hast du weder den Begriff noch die Idee, bleibst du dumm und das war’s“, sagt der französische Philosoph Gilles Deleuze.

Gescheit wäre, sich mit Begriffen wie Wechselwirkung, Diversität‚ Vertrauen und Verantwortung zu beschäfigen. Dann habe ich die Chance, gescheit zu scheitern. Dann muss ich nicht mehr haben wollen, was ich kriegen kann. Dann muss ich kein Wachstum generieren, mit dem ich den Planeten verbrauche. Dann muss ich nicht fortwährend besser werden, um gut zu sein, nicht ständig siegen, um nicht zu verlieren und keine Rekorde erbrechen. Dann kann ich endlich Lebenswichtiges tun und vieles andere noch Mögliche bleiben lassen.