Kommt eine parlamentarische Demokratie auf die Idee, das Staatsvolk mit einem nationalen Denkmal zu beglücken, wird es kaum um die Würdigung basisdemokratischer Regungen gehen. Der US-amerikanische Sprachwissenschaftler, politische Publizist und Aktivist Noam Chomsky nennt zwei Ansätze für Demokratie. Einer „geht davon aus, dass in einer demokratischen Gesellschaft die Bevölkerung die Möglichkeit hat, sich auf sinnvolle Weise an der Regelung ihrer Angelegenheiten zu beteiligen“. Der andere „besagt, dass die Bevölkerung von der Regelung ihrer Angelegenheiten ausgeschlossen und der Zugang zu den Informationsmitteln streng begrenzt und kontrolliert werden muss.“ Das ist der Ansatz für parlamentarische Demokratie. In ihr sollen die Verhältnisse vor allem geordnet regulierbar bleiben.
In der Sowjetunion soll es einer kleinen Population im südlichen Turkestan gelungen sein, Geld, das für ein Denkmal gesammelt wurde, zum Kauf von Petroleum zu verwenden. Dadurch wurde vor Ort eine Mückenplage bekämpft und eine Malariaepidemie vermieden. Dank Bertolt Brecht, dem Dichter, hat die ganze Welt davon erfahren.
Jetzt macht der Deutsche Bundestag gönnerhaft, als käme das Geld aus den Taschen der Parlamentarier, fünf Millionen Euro für ein repräsentatives Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig locker, worüber man im Rathaus nur fast aus dem Häuschen ist, nicht ganz, denn sonst würde man die Mehrheit der Leipziger Bevölkerung bemerken, die lieber auf dem Teppich bliebe. Also inszenieren die lokalen Parlamentarier einen internationalen Wettbewerb, berufen ein Preisgericht und prämieren letzten Endes drei Entwürfe, die die Ideen ‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘ dem Volk wie Zirkustiere vorführen wollen: gebändigt und dressiert.
„Gute Kunst“, verrät ein kluger Autor im Internet-Meinungsmedium „Der Freitag“, „erkennt man an ihrer offenen Tür. Daran, dass sie den Betrachter rein lässt, wenn der Interesse an der Arbeit zeigt. Daran, dass sie es schafft, ihren Kern zu transportieren.“
So bleibt der Entwurf „Conceptual Monument“ des spanischen Künstlers Santiago Sierra unprämiert. Er begreift, „statt ein materielles Zeichen zu setzen und das Denkmal als eine Herausforderung an die ästhetische Gestaltung zu verstehen, das eigentliche Denkmal als einen nicht-materiellen, sozialen Akt“. Daraufhin verfasst er den „Ort des Denkmals, der Wilhelm-Leuschner-Platz, als ein Gebiet, innerhalb dessen Grenzen keinerlei Restriktionen, keine Autorität, kein Herrschaftsanspruch Gültigkeit besitzen. Ob und wie der Platz materiell zu nutzen und zu gestalten ist, wird eine der Entscheidungen sein, welche die Leipziger an diesem Ort selbst treffen können.“
Folge ich Chomsky, ist es nicht verwunderlich, dass einer parlamentarischen Demokratie das unbehaglich ist. So ist es auch kein Wunder, dass die Jury – wes‘ Brot ich ess, des Lied ich sing! – den Entwurf des Spaniers sorgfältig aussortiert. Allzu offensichtlich weist er darauf hin, dass „das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung niemals als einmal errungen und dann für immer gegeben betrachtet werden [kann], selbst wenn es zu manchen Zeiten so scheinen mag. Dieses Recht muss gelebt werden, in die Realität jeder neuen Zeit übersetzt, ja neu verhandelt, vielleicht neu erkämpft werden.“