erobern und erobern lassen

Ist das unsere Passion?

Gern verschweigen Eroberer, dass ihre Lust nicht nur das eigene Weltbild zu den Eroberten transportiert, sondern deren Weltbilder und Lebensweisen auch auf sie selbst zurückwirken. Diese Gegenbewegung ist auf lange Sicht wahrscheinlich sogar eindringlicher als die der Aggressoren. Daraus können, wenn Vernunft nach und nach wieder um sich greift, neue Gleichgewichte entstehen, in denen sich die Menschen akzeptabel einrichten können.

Für folgenschwerer halte ich sowohl bei militärischen Pattsituationen, die sich in die Länge ziehen die Versuche zeitnaher Rückeroberungen, als auch bei schnellen Siegen die wut- und hassgetriebenen Vergeltungen. Die mögen die Eroberten sich in beiden Situationen wünschen, aber ihre Überlebenden handeln infolge der unmittelbaren Kriegserfahrung und traumatisierenden Unterwerfung weder besonnen noch auf eine Erholung ihrer zerschundenen Seelen hin. Auch mühsam und unter Außendruck entstandene Befriedungen heilen und ändern daran nichts. 

Wer nährt unsere Überzeugung, für Palästinenser und Israelitinnen, Ukrainerinnen und Russen mit ihren Vorgeschichten könnte es diesmal anders laufen? Welchen kruden Phantasien sitzen wir auf, wenn wir ihnen – unseren eigenen Interessen zuliebe! – suggerieren wollen, ihre Leben seien es wert, unsere Fiktionen zu retten?

Apropos: Putins Vision, über Leid und Leichen hinweg einmal das Gebiet von Wladiwostok bis Lissabon in ein hoheitliches Herrschaftsgebiet zu bringen, sehe ich gar nicht so weit weg von der westeuropäischen Idee eines demokratisierten Wirtschaftsraumes, für den es keinen vernünftigen Grund gäbe, schon am Ural zu enden.

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